Ein (Schul-)Educamp – und das soll Spaß machen?

Jetzt-auch-m.it/ war das Schlagwort, das alles ermöglichte, eben auch mit Kinder beim Barcamp für Bildungssüchtige. Fortbildungen, in denen Kinder geduldet sind oder zu denen sie mitgebracht werden, weil sonst die Eltern nicht teilnehmen können, habe ich als Mutter schon mannigfaltig erlebt. Worin sollte also auch das Besondere liegen, dass das Educamp jetzt-auch-m.it/ Kindern sei? Im Grunde doch schade, wenn es vorher für Eltern nicht zugänglich war, weil es keine Betreuungsideen gab.
Gibro führte mich lange vor dem Event im Herbst über das Geländer und zeigte mir den Fußballkäfig, die Bowlingbahn, das Schwimmbad und die Jugenddisko. Natürlich wusste ich sofort, wenn ich schon meine Kinder zu einem Barcamp schleppen werde, weil ich dahin will, dann haben sie hier wenigstens ein Unterhaltungsprogramm, mit dem sie selbst Spaß haben können. Ich war von seinem Rundgang und den Möglichkeiten für alle Teilnehmer begeistert. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass wir gar keine Teilnehmer sondern Teilgeber seien werden. Auf jedem Barcamp lerne ich dazu, selbst bei den Details sind noch einige Punkte zu vergeben.

Was genau ist ein Educamp? (siehe Video)  Diese Frage wurde mir schon so oft gestellt, immer wenn ich für das Barcamp Werbung schlug. Eigentlich ist es ganz einfach, da denken Bildungsbegeisterte oder Bildungssüchtige, die in der Regel an neuen Medien und deren Nutzung für die Bildung interessiert sind, über die Möglichkeiten und Grenzen und Formen von Bildungsräumen nach, diskutieren neue Ideen oder zeigen sich neue Methoden oder Tools aus dem E-Learning-Sektor. Diesmal – so sagte Gibro – ginge es um außerschulische Lernbereiche. Doch wer kann schon vorher sagen, was für Themen die Camper besprechen wollen und wofür sie sich begeistern. Und dann die große Überraschung, die Mehrzahl der Teilgeber waren also Lehrkräfte! Die Themen entstammten so dann schnell wieder innerschulische Lernbereiche. Außerdem ist ein Barcamp der Lernort jener, die dort hinkommen und sie bestimmen maßgeblich, was sie machen wollen. Allerdings glaube ich, dass nach 48 Stunden Barcamp dennoch so viel Möglichkeiten ungenutzt geblieben sind, dass man durchaus ein Barcamp in Hattingen wiederholen könnte, damit all die anderen Bereiche zum Einsatz kommen: Fußballkäfig, Sauna als Leseraum, Gymnastik und Yoga, Bogenschießen, Kletterwand, etc.

Wenn Lehrer und Kinder und Jugendliche zusammentreffen, dann nennt man das Schule. Im Grunde war dieses Barcamp dann ein Schul-Educamp? Nein, auf keinen Fall, denn es passierte etwas ganz anderes, was ich in dieser Form nur an einem anderen Ort erlebt habe. Als ich in der Kommune Niederkaufungen in Kassel war, behandelten die Erwachsenen die Jugendlichen oder Kinder wie andere Menschen, die schon erwachsen genug sind, „normal“ behandelt zu werden. Das klingt eigenartig, deswegen will ich das erklären. Es gibt zwei Arten, wie Erwachsene auf Jugendliche und Kinder reagieren:

  1. Möglichkeit eins ist, sie zu verzuckern, weil sie so putzige Ansichten haben, so süß sprechen oder überhaupt ganz niedlich sind. Dinge werden ihnen möglichst „kindgerecht“ vermittelt und vor einigen Dingen müssen sie verschont werden.
  2. Möglichkeit zwei ist, dass sie von Erwachsenen bevormundet werden, dass ihnen die Welt erklärt wird und das mit erhobenen Lehrerzeigefinger. Der Tonfall zeigt bereits, dass der Lehrer es weiß und sich nicht selbst als Suchender zu erkennen gibt; der Lehrer vermittelt die richtige Sicht und die richtige Methode, die Schüler sind die Idioten, die nicht richtig verstehen oder nicht richtig lernen wollen. So sieht zumindest die Realität an unseren Schulen häufig aus, allerdings der Gerechtigkeit halber, nicht nur da.

Nach meiner Erfahrung verhalten sich die meisten Erwachsenen Jugendlichen und Kindern gegenüber überheblich, wissend und autoritär. Als ich vor vielen Jahren in Kaufungen war, dachte ich ernsthaft darüber nach, dort zu leben, damit die Kinder in einer wertfreieren Atmosphäre großwerden können.

Und nun begann das Educamp. Ich bereitete mich im Geiste darauf vor, dass ich meinen Kindern Zaumzeug anlegen müsste, denn meine Kinder sind wilde, laute, kribbelige, eigenwillige und verspielte Freigeister, die dadurch oft bei Erwachsenen anecken. Doch ich dachte, dass ja auch andere Kinder dort sein werden und deswegen auch meine Kinder mit denen werden abziehen wollen. Es kam anders. Wie in Kaufungen kamen auf dem Educamp Menschen zusammen, groß und klein, die sich als Lerner und Interessierte begegneten, es machte gar kein Unterschied, ob ich als Erwachsener an einer Session teilnahm, die ein Kind angeboten hatte oder ob ein Kind an einer Session teilnahm, die von einem Erwachsenen angeboten wurde. Ich weiß von meinen Kindern, dass sie sich unglaublich wohl gefühlt haben und so am liebsten nur lernen wollen. Sie bieten eine Session an, wenn sie das wollen, und da kommen andere hin. Oder sie gehen zu einer Session und niemand stört es, wenn sie wieder rausgehen, wenn es nichts für sie ist. Mir erzählten sie von Sessions, von denen ich gedacht hätte, dass sie ihnen zu theoretisch sind. Sie beteiligten sich nicht nur in den Sessions, sondern auch bei der Planung, als der Praktikant von Gibro eine Session zum Spielentwickeln anbot, widersprach Elias und meinte, es gäbe ein besseres Programm als das genannte und erklärte ihm kurz, welches er meinte und wie es funktioniert. In der Planung wollten sie dann die Session gemeinsam leiten.

Von einer Session möchte ich euch erzählen, denn da war ich direkt dabei. Meine Tochter Lucy (10) war schon sehr müde, hatte schon vieles zu verdauen gehabt, und hing mir im Arm, während Tine und Gibro in ihrer Session das Podcasten erklärten. Ich dachte, dass Lucy sich gleich gelangweilt davontrollt, doch sie blieb und nahm an der ersten Aufnahmerunde teil. Wie setzten uns dafür die Kopfhörer mit Mikro auf und hörten uns in einer Klarheit sprechen, die fremdartig war. Vermutlich wurden alle Nebengeräusche raus gefiltert und wir konnten so dem konzentrierten Klang der eigenen Stimme lauschen. Lucy war begeistert und überlegte direkt, was sie damit machen konnte. Sie fragte Gibro, was sie dafür braucht, damit sie loslegen kann. Er erklärte ihr, dass welche Apps und welche Computerprogramme dafür nötig wären. Um ihr das zu erklären, setzte er sich auf einen Stuhl und begab sich direkt auf Augenhöhe. Seine Stimme hatte keinen Lehrerklang, sondern sie hörte sich an, als erklärte er mir das. Sie sagte, dass sie sich das so auf keinen Fall merken würde und er ihr das aufschreiben soll, weil sie nichts zu schreiben hätte. Er begab sich auf die Suche nach einem Block und Stift und schrieb ihr alles nochmals auf, wobei er bei jedem Wort eine kurze Definition verbal und schriftlich hinzufügte. Lucy kommentierte die Krakelschrift und ich mischte mich zum ersten Mal ein, sagte, dass ich das entziffern könnte. Gibro nickte dazu nur und fragte sie, ob sie alles verstanden hatte. Abschließend meinte er noch, dass sie nachfragen könnte, wenn sie sich an den Tools ausprobiert hat, dann würde er ihr helfen. Ich fand es sehr angenehm, die beiden zu beobachten, denn ich kenne diese Umgangsform von nur sehr wenigen Menschen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich genau diese Form des Umgangs bei diesem Educamp ausschließlich gesehen habe. Die Kinder waren gleichberechtigte Lerner und Interessierte.

Was wäre ich für eine Bildungssüchtige, wenn ich nicht direkt überlegen würde, was das für mich und meine Funktion als Lehrerin an der Schule bedeutet. Das setzt sich aus zwei Modulen zusammen:

  1. befasse ich mich zurzeit intensiver mit Gewaltfreier Kommunikation oder – wie ich das schöner ausgedrückt finde – mit wertschätzender Kommunikation. In dieser Kommunikationstheorie geht es darum, dass wir die Gedanken von Autorität und respektvollem Verhalten wie es die gesellschaftliche Norm vorsieht zu Gunsten einer verstehenden Kommunikation fahren lassen. Übrigens war mein Erstkontakt mit dieser Theorie auf meinem ersten Barcamp von der AdZ-Regionalgruppe, die von Gibro geleitet bzw. inszeniert wurde. Das Konzept der wertschätzenden Kommunikation ist das Verstehen des anderen und damit das Auflösen von Barrieren. Weshalb uns das so schwerfällt, liegt an den entstandenen Verletzungen und daraus resultierenden Gefühlen, die als eigenständige Mechanismen in uns wirken. Da mein Schulalltag von Störungen und Unterbrechungen durchsetzt ist, da ich meinen Stoff sowieso nur in Zeitlupe durchbekomme, fehlte mir selbst ein Werkzeug, wie ich bei mir bleiben konnte, wie ich auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und Kinder eingehen konnte ohne meine eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.
  2. denke ich, dass ich mich noch intensiver auf die Jugendlichen und Kinder als Mitlerner einlassen kann, dass ich ihnen deutlicher signalisieren sollte, nicht allein zu wissen, was gut oder richtig ist. Ihnen dann auch selbst den Prozess des Lernens bewusst zu machen, wäre nochmals hilfreich. Es gibt auch in meinem Unterricht noch zu oft das Dozieren als Tonfall, selbst wenn ich das gar nicht beabsichtige. Mir dessen nochmals bewusst zu werden und darauf Einfluss zu nehmen, dafür war dieses Miteinanderlernen des Educamps sehr hilfreich.

Dahinter steckt die Frage, ob ein anderes Lernen für die jüngeren Generationen irgendwann einmal möglich wird, doch da steht dieses Educamp wie eine Vision. Visionen sind möglich, wenn auch manchmal nur in der Phantasie. Ich will denken und träumen, dass irgendwann für meine Enkelkinder diese Vision vom Lernen wahr werden kann.

Danke, liebe Educamper

Bis Stuttgart

Scarlett / #casamial

 

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Die reine Idee und nichts als die Idee: Schule Utopia

Ein vorgeschobener NACHTRAG (Oktober 2014): Zurück im Bildungsbunker Schule weiss ich, dass es ein Irrtum war zu meinen, dass der Leistungsgedanke langsam aus den Köpfen verschwindet. Es wird doch noch ein bisserl dauern, bis die von mir infiltrierten Jugendlichen zu Eltern wurden, die sich das System nicht mehr gefallen lassen wollen. Inzwischen haben wir noch stärker angepasste und systemhörigere Eltern, als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Erst, wenn gar nichts mehr geht, fangen diese Eltern irgendwann an zu denken und das System zu hinterfragen, dann aber haben sie Kinder, die sich dem System nicht beugen lassen, wie ich das auf dem Educamp in Hattingen 2014 bei einer betroffenen Mutter und Lehrerin mitbekommen habe.

Auch an der Freien Schule in Bochum zieht der Geist der Leistung durch die Eltern gelenkt stärker ein, er sitzt inzwischen den Lehrern im Nacken und flüstert böse Gedanken wie „mehr Hausaufgaben“, „mehr Leistungskontrolle“, „mehr Standarts“, „Noten“… Traurig, dass die Eltern wirklich glaube, wer viel leistet, wird deswegen auch Manager eines großen Konzerns.

Die Idee ist dennoch brauchbar. Wenn ich eine Idee gefunden habe, wie ich sie zur Verfügung stellen kann, ohne dass sie kommerzialisiert wird, dann publiziere ich sie. Ich brauch noch ein bisserl Zeit. DANKE

 

Hallo zusammen,
auf dieser Reise (siehe Sabbatreise) wollte ich vor allem die Idee eines alternativen Schulsystems aufschreiben.
Die Idee hat sich vor einigen Jahren aufgedrängt, sie schien es wert, dass sie festgehalten wird und dass sich andere Geister daran den Kopf zerbrechen, wie das gehen mag. Ja, die Idee hat viel Potenzial und ist auch sicher noch modifizierbar (welche ist das nicht?), doch die Entscheidung muss an einer anderen Stelle getroffen werden, ob wir unsere Schulen radikal verändern oder nicht.

Allerdings denke ich an den Spiegelartikel zur „Anlauttabelle“ und „Schreib-ruhig-wie-du-willst“, den ich noch im vergangenen Jahr gelesen habe. Derjenige (Dr. Jürgen Reichen?), der damals federführend war, bedauert heute, dass er selbst so strenge Lehrer gehabt hatte und deswegen die kreative Freiheit ausgerufen hatte. Als meine Tochter in die Schule kam, da hatte ich schon die Schüler in meinem Schulfach „Deutsch“, die Opfer der Anlauttabellen waren: Rechtschreibkatastrophen, vor allem für Kinder, die keine Zeit für Genauigkeit haben und so schnell Ideen entwickeln, dass sie das kaum noch aufschreiben können. Bei meiner jüngsten Tochter war ich sicher nicht böse, dass sie vor der Anlauttabelle schon schreiben und lesen konnte. In der Universität hab ich gelernt, dass angewöhnte Fehler sich schwerer berichtigen lassen, als wenn man es von Anfang an anders lernt. Die Idee also war gut, der Wunsch hatte ein heroisches Ziel, doch das Ergebnis hat Konsequenzen für die Rechtschreibung auf Jahrzehnte.
Diese Gefahr gibt es bei meiner Idee auch, ist sie doch nur ein Gedankenkonstrukt, dass genau deswegen zentrale Denkschwächen aufweisen kann. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Zeit der reinen Leistungsbemessung in Deutschland speziell und in Europa allgemein bald vorbei ist und dann Alternativen geschaffen werden müssen, die für den Menschen menschlich sind. Eingedenk, dass wir keine Maschinie sind, sondern soziale, fühlende, kreative oder sich ausdrückende Wesen sind, die nicht allein für die zu erbringende Leistung leben, hat diese Idee eine Chance verdient.

In meinem Text verzichte ich auf Diskussionen zum jetztigen Schulsystem, denn – so stellte ich mit dem Abstand durch meine Reise fest – jede Diskussion zu unserem Schulsystem scheitert systemimmantent wie Luhmann sagen würde. Ich kann mit Lehrern und anderen Menschen der Institution Schule über Veränderungen diskutieren, doch meist kommt dabei heraus, was sich wer gewünscht hätte, was er oder sie erlebt hat und wie er sich dabei fühlt. Will ich anderen von der Idee erzählen und starte mit dem jetzigen System, so kann ich sicher sein, dass ich die Idee gar nicht erzählen kann, denn vorher höre ich, was positiv oder negativ für den Betreffenden war, wieso Lehrer zu viel verdienen und warum ein härteres Durchgreifen nötig ist. Das Thema „Schule“ ist derart stark mit persönlichen Erfahrungen und Erwartungen verknüpft, dass jedes sachliche Gespräch im Vorfeld schon unmöglich wird – zumindest aus meiner Sicht. Also beginne ich bei der Idee selbst, erzähle von dem, was für mich die Schule Utopia ausmacht und schon verändert sich das Gesamtbild. Das habe ich eben auch für den Text gemacht, nur das Notwendigste erklärt, damit jeder ihn verstehen kann. Aus dem Grund ist er 14 Seiten lang. Falls ein Leser meint, dass ich noch an einer Stelle zu polemisch oder zu kritisch bin, die Stelle schaue ich mir gern daraufhin nochmals an. So versteht bitte auch die Leseprobe weiter unten.
Ich möchte in erster Linie die Idee in den Raum stellen.

Jetzt bekommt ihr nur einen Auszug, denn ich muss es noch rund machen, Fehler korrigieren, Anhang versäubern, Fußnoten ergänzen. Gerade letzteres kann ich nicht von unterwegs, da benötige ich meine Unterlagen.

Das Konzept des offenen Schulsystems

Ein offenes Schulsystem, in dem die Kinder und Jugendlichen selbst ihre Lerninhalte und Lernschritte bestimmen, braucht einen Rahmen und braucht Angebote durch Menschen, die das können. Freiräume eröffnen bedeutet also nicht notwendig Chaos und Anarchie. Es ist also die erste Annahme, dass auch Kinder, die Wahlmöglichkeiten haben, nicht unbedingt faul sind und nichts tun wollen. Kinder wollen genauso wenig gesagt bekommen, was sie tun müssen und sollen wie Erwachsene und wehren sich ebenso zunehmend in ihrer Schullaufbahn. Wenn von uns Erwachsenen diese Entscheidungsmöglichkeit wieder eingeräumt wird, hat das zur Folge, dass die Kinder nicht mehr gelangweilt im Klassenraum sitzen, sondern sich für ihre Interessen engagieren können. Die Konsequenz ist allerdings ein Umbau und eine Neustrukturierung der Schule.

  1. Konsequenz: Raumstruktur wandelfähig
  2. Konsequenz: Lehrer frei wählbar
  3. Konsequenz: Lernzeit frei wählbar
  4. Konsequenz: Lerninhalt frei wählbar

Lernen braucht verschiedene Bedingungen wie Raum, Motiv, Vorbild, Verankerung und Anwendung. Wenn es keine Schule gäbe, würden die Kinder von älteren Geschwistern und Nachbarskindern lernen, sie würden sich bei den Erwachsenen rumtreiben, sich was abgucken und das dann nachmachen. Von Kindern lernen Kinder am schnellsten und zwar auch Sozialverhalten, Rangordnung und Verantwortung. Das ist das erste, was in Schule Utopia eingeführt wird: Lernen in altersgemischten Gruppen. Dadurch steht für die Kinder und Jugendlichen im Vordergrund, mit jenen gemeinsam zu lernen und / oder zu arbeiten, mit denen sie zusammen sein wollen.

Wenn lernen erfolgreich sein soll, dann entsteht entweder Freude und Vergnügen beim Lernen oder die Angst vor den Konsequenzen durch das Nicht-Lernen dominiert das Denken. Freude am Lernen erlangt man aus verschiedenen Gründen: die Beziehung zwischen Lerner und Lehrer, die Dosierung der Aufgabe, die Motivation für den Lerner, der Inhalt, die Möglichkeit des Selbstmachens oder Abschauens. Soweit die Theorie.

Für Kinder und Jugendliche ist ein Motivator bestimmt durch die Freunde, mit denen sie gemeinsam lernen können und Zeit verbringen wollen. Es gibt ihnen das Gefühl von Sicherheit. Deswegen gehen die Kinder in die Schule, weil sie dort ihre Freunde treffen. Diese Motivation lassen wir gelten und nutzen sie, denn letztlich lernen Kinder und Jugendliche schneller voneinander. In Schule Utopia lernen die Kindern und Jugendlichen in altersgemischten Gruppe, die sie sich nach inhaltlichen oder sonstigen Motiven aussuchen können. Langfristig ergeben sich daraus ebenfalls die typischen gruppendynamischen Prozesse, vielleicht aber nicht in dieser störenden Form des geschlossenen Systems, weil die Kinder und Jugendlichen eine eigene Motivation mitbringen. Für die Lerner hat es einen weiteren anderen Vorteil. Langsame Kinder dürfen langsam lernen und häufig wiederholen, schnelle Kinder schnell und es gibt keine Springer und keine Sitzenbleiber, denn es gibt keine Klassenverbände.

Ebenso kann es für Lerner und auch Lehrer ein eigenes Erfolgskonzept sein, wenn sich die Lerner ihre Lehrer selbst zusammenstellen. Die Beziehung zum Lehrer ist ein Motivationspunkt mehr. In der Regel wissen Kinder und Jugendliche ganz genau, was sie von einem Lehrer zu erwarten haben, was er ihnen beibringen kann und weswegen sie ihn schätzen oder ablehnen. Die Qualitäten eines Lehrers sind dabei völlig unterschiedlich. Gleichen teils hat jeder Lehrer seine Schwächen, was den Kindern und Jugendlichen ebenso bekannt ist. Weil die Kinder und Jugendlichen genauso verschieden sind wie die Lehrer, bin ich davon überzeugt, dass kein Lehrer derart abgelehnt wird, dass er fortan keine Kinder und Jugendlichen mehr unterrichten wird. Kommt es vereinzelnd vor, dann bedarf es gesonderter Aufmerksamkeit, damit sowohl dem Lehrer als auch dem Lehrbetrieb geholfen werden kann. Eltern, die Institution Schule sowie jede einzelne Schule weiß von Lehrern, die überfordert sind, die persönliche Probleme mit in den Unterricht nehmen und die kaum den Stoff vermitteln können, für den sie angestellt wurden. Anstatt dies stillschweigend zu akzeptieren und zu hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, könnte man diese Schwierigkeiten im Sinne der Sache und im Sinne des menschlichen Miteinanders angehen und dem Lehrer helfen, soweit das möglich ist. Letztlich gibt es immer eine Möglichkeit, solange das Interesse für den Beruf und für den Lehrbetrieb prinzipiell gegeben ist, sich als Lehrkraft einzubringen. Ich stelle mir vor, dass die Lerner über die unterschiedlichen Kursangebote sprechen werden, wer sie leiten wird und welche Erfahrung man mit diversen Lehrern gemacht hat. Angebot und Nachfrage bestimmen sich gegenseitig, es gibt Rückmeldungen durch die

Damit kommt ein weiterer Motivationspunkt hinzu, nämlich der Lerninhalt. Als Erwachsener ist es für mich möglich, mich in den Bereichen von den Anbietern meiner Wahl zu dem Zeitpunkt meiner Wahl weiter zu bilden. Passt mir das nicht, kann ich mit dem Institut besprechen, wie für mich die Ausbildung passender ist. Das ist möglich, weil ich es bezahle. In der Schule sind manche Lerninhalte nur das Mittel für die Methoden oder die sogenannten Softskills, die gelernt oder erlernt werden sollen, manche Inhalte gehören zum kanonischen Bildungsstand, manche Inhalte sind lediglich Anschauungsmaterial. Ich kann zum Beispiel keine Sprache lernen, ohne dies an irgendeinem Inhalt zu tun. Lerninhalte sind jedoch nicht in Unterrichtsfächer eingeteilt. Selbst wenn ein Kind das Unterrichtsfach Deutsch im Allgemeinen mag, heißt das nicht, dass jeder Lerninhalt für das Kind gleich interessant ist. Daraus ergibt sich die Frage, was Lerninhalte eigentlich sind, die sich Kinder und Jugendliche selbst aussuchen können sollten.

Ein Lerninhalt kann zum Beispiel sein, sich mit der Epoche der Römer auseinanderzusetzen, weil wir ihre Spuren heute noch in unserer Kultur entdecken können. Wenn Kinder interessiert sind an der Geschichte, wenn Kinder interessiert sind an Kultur oder an dem, was sie über diese alte Kultur wissen, dann könnten sie sich für diesen Kurs anmelden. Damit wäre in diesem Fall allerdings erst der Lerngegenstand beschrieben, eine Auseinandersetzung ist noch nicht näher definiert. Angenommen ich wollte mit den Lernern zusammen eine Ausstellung im örtlichen Museum zu den Römern machen und spezialisiere mich auf die Spuren der Römer in der örtlichen Geschichte, dann hätte ich einen Lerninhalt für ein Projekt.

Schlussendlich kann ein Motivationspunkt  auch der Ort sein. Vermutlich bezeichnet diesen Aspekten prozentual nur einen kleinen Einfluss auf die Entscheidung, wenn mehrere Kurse zur Wahl stehen. Allerdings darf der Raum nicht unterschätzt werden, denn seine Wirkung besteht auch unterschwellig. Für Schule Utopia gilt, dass es viele verschiedene Funktionsräume gibt, die sich in ihrer Art von den üblichen Schulklassenräumen unterscheiden. Die meisten Räume an dieser Schule sind leere Arbeitsräume, in denen man Stühle finden kann, die aber ansonsten freie Arbeitsfläche bieten.

Das verändert die Schule in dem Maße, dass sie nicht allein der Aufbewahrung von Heranwachsenden dient, sondern dass sie für die Ausbildung der jungen Menschen innerhalb der Region verantwortlich wird. Darin liegt die Chance, sich die regionalen Firmen, Institutionen und Kulturstätten nutzbar zu machen, um stärker praxisorientiert zu lehren und zu lernen.

Im Folgenden schildere ich, was die Schule Utopia in den Bereichen Abschluss, Arbeitsaufwand, Entlastung für Lehrer und Lerner, Schulalltag, Möglichkeiten für die Region sowie die Projektarbeit von der bisherigen Schule unterscheidet.

Das war der Auftakt zur Schule Utopia. Wenn ich fertig bin, dann kommt hier der Text zuerst hin.

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Leere vor der Reise

Hallo,

gestrandet scheint dieser Blog. Versandet im Netz.

Allein mir fehlt es an Zeit für eine ordentliche Datenpflege. Lebensumstände verändern sich, so auch meine und die haben an der Zeitschraube gedreht. Zurzeit zähle ich die Monate und im Grunde nur noch die wenigen Wochen, bis ich mein Sabbatical antreten werde. Wenn ich also Zeit habe,  plane und organisiere ich die Reise durch Westeuropa mit meinen Kindern.

Was aber all den Plänen und die Ideen für das Schulsystem betrifft, so bin ich frohen Mutes, endlich daraus ein gesammeltes, in sich schlüssiges Kompendium zu machen. Daraus würde ich gern ein echtes E-Book machen wollen. Aus meiner Sicht ist ein E-Book die Auflösung der Pappdeckel, des klaren Anfangs und Endes des Buchdrucks. Schriftsteller haben schon von je her gewußt, dass eine Geschichte nicht endet, nur weil das Buch zugeklappt wird, so wie der Maler weiß, dass eine weiße Leinwand nicht leer ist. Das E-Book kann diese Dimension der Vernetzung schaffen, was dem Buch nicht gelingt; seit Kindl oder Tablet ist es auch vorbei mit der heiligen Buchdomäne, nur Papierbücher könne man unterwegs lesen. Ich denke auch, dass das Internet eine neue Dimension des Austausches ermöglicht und deswegen ein E-Book nicht einfach ein Buch mehr sein kann.

Das Thema meiner Arbeit ist die Idee eines neuen Schulsystems, das sich den Strukturen und den neuen Bedingungen anpassen kann und nicht veraltet neben der Gesellschaft vegetiert, weil es kein besseres System gibt. Wenn ich diese Idee in die Welt gelassen habe, als Buch, als E-Book und überhaupt, kann ich endlich der Schule nach und nach den Rücken zudrehen, denn dieses System höhlt meine Lust am Lernen und Lehren vollständig aus. Hauptsächlich bin ich der Meinung, braucht man zum Lernen seinen Eigensinn und den findet man durch Spielen, durch Experimentieren und durch Fragen. Und ich bin selbst am meisten für das Spielen: Theater, Spiele, Rollen … Und da seh ich meine Perspektive, weniger an einer Schule mit Fächern…

In diesem Sinne schließe ich nun erst einmal diesen Blog, arbeite mit dem Inhalt weiter und präsentiere euch in 1,5 Jahren das Ergebnis. 🙂

Bis dahin, bleibt mir gewogen

Scarlett

Doodlen mit Eltern

Jahhhhuuuuu, da haben doch schon direkt vier Elternteile angebissen und gedoodelt, wenn das kein Erfolg ist.

Zurzeit läuft mit den Schülern der Klasse 7 das Internetprojekt: Was das Internet noch so für Nützlichkeiten anbietet neben Facebook und Co. Es ist eine ernste Herausforderung, mit stark und stärker Pubertierenden Freiräume zu beschreiten, die der derzeitige Schulbetrieb überhaupt nicht kennt.
Für diese Woche steht das DOODLEN auf dem Programm, damit auch die übrigen Eltern ihre Termine selbständig im Griff haben. Ich bin frohen Mutes, wenn schon 1% der Elternschaft das Doodlen ohne Hilfe schafft. :))

Liebe Grüße
Scarlett

CC – Das hab ich gebraucht! Abgesang an das Copyrightgefühl

am 12. November 2011 traf sich die ADZ-Regionalgruppe, womit ich angefüllt mit neuen Anregungen die für mich neueste und wichtigste Errungenschaft ausprobieren muss: CREATIVES COMMONS …
Wieso gab es das nicht schon früher? Wieso bewegte ich mich so lange im gefährlichen Fahrwasser des allgemeinen Kopierens? Wie kann ich das nur übersehen haben?
Vor vielen Jahren hab ich schon damit angefangen, unter meine handgeschriebenen Kurzgeschichten das Copyrightzeichen zu setzen. Irgendwann mit ungefähr Dreißig veränderte sich mein Denken, denn eigentlich kann ich nichts schaffen, was ich selbst aus mir heraus produziere. Selbst ein Baby benötigt zumindest noch eine Zutat, damit es in meinem Bauch wachsen kann. Wenn man sehr lange und gründlich darüber nachdenkt, dann mischt den Genus doch der Werdegang, die Lehrer, die zufälligen Verbindungen, die Gespräche über Inhalte und so weiter. Nichts wird in einem einsamen Kämmerlein geboren.
Als ich das verstanden hatte, habe ich aufgehört, dass Copyrightzeichen ernstzunehmen und setzte es nicht mehr unter meine Werke, war sehr freigiebig und nahm offenen Herzens. Allerdings – und das ist der Wermutstropfen – wusste ich doch immer, dass manch einer davon leben muss, von seinen (Ge-)mein(schafts)Produkten, und dass nicht alle diesen Denkprozess durchlaufen, weil sie vielleicht nie etwas in durchdiskutierten Nächten mit anderen zum Leben erweckt haben, worauf sie allein nie gekommen wären. Und auch gibt es Menschen, die ihre Erfolge nur mit ihrem Namen versehen auch feiern können. Also befand ich mich bis gestern in einem moralischen Dilemma.
Als Lehrer darf man ja mal „klauen“, ist für einen guten Zweck, so hab ich mir gesagt. Ich tue es ja nicht für mich. Als dann Gutenberg die Menge aufbrachte, dachte ich mir, dass jemand wie er es nicht nötig haben müsste, sich anderer Ideen zu bedienen. Da war es wieder, dieses Dilemma, sich selbst auch außerhalb des Copyrights zu bewegen, dafür dann andere kaum anklagen zu können, auch wenn es noch so anders zu bewerten sei.
Und dann erklärte Guido (ich glaube, gar nicht zum ersten Mal, aber diesmal mit AHA-Effekt), was mich rettet. Wenn andere ihr Copyrightgefühl pflegen wollen, ich aber nicht, dann muss ich mich mit den Menschen austauschen, die auch dieses Copyright-Gefühl nicht im vollen Umfang brauchen, ohne mich noch länger dafür schlecht zu fühlen. DAS ist für mich Demokratie.
Mit diesem Sieg blieb nur noch eins zu tun, ein Auseinandersetzen mit der Software, das Lesen und Finden und Verstehen der Links und Co.

Und für alle, die es noch nicht selbst kennen, setz ich doch noch schnell mal hier den Link ein:
http://creativecommons.org/licenses/

Danke Guido, das war eine wichtige Bereicherung für mein creatives Arbeiten.

Und … das Logo hab ich auch schon rechts veröffentlicht. 🙂

Aussichtslos ein neues Jahr starten?

Nichts ist so demotivierend wie die Desillusion von Idealen.  Mir kommt es so vor, als trete ich auf der Stelle und bewege nicht mal was bei meinen Schülern. Von Eltern, Lehrern und Politikern, die Entscheidungen treffen ganz zu schweigen.  Was mich so desillusioniert hat, ist die Schule, an der ich arbeite. Nach außen sieht sie sehr refomwillig und offen aus, aber das ist nur Farbe, die auf die kaputtesten Teile der Schulmaschine geschmiert wurde – liebev oll, wie ich zugeben muss, denn es hat mich geblendet. Ich glaube nicht mehr daran, dass sich unser Land dazu entscheiden kann, die Schulmaschine als kaputt und für dieses Gesellschaftssystem untauglich anzuerkennen, damit an ihre Stelle eine für die Gesellschaft passendere Maschine treten kann. Diesen Glauben verloren zu haben, macht mich melancholisch und zwingt mich zu einer Entscheidung, denn ich war nicht an Sicherheit interessiert, als ich diesen Job auswählte.

Momentan denke ich ganz oft, dass ich noch zwei Jahre diese Maschine – diese kaputte – bedienen muss, dann kann ich mich ein Jahr um meine Familienmaschine kümmern, die ich ohnedies sehr vernachlässige, wegen dieser Schulmaschine, die ja kaputt ist. Und dann kann ich von einer tadellosen neuen laufenden Maschine träumen und sie mir konstruieren, wie ich will.

Diese Stimmung vermeidet einen erfolgreichen Output in diesem Blog; ich komm zurück … keine Frage. 🙂

LG, Scarlett