Acht-Punkte Voraussetzung für ein Umdenken

Unser Schulsystem hat einige stabile Denkfehler, die vor allem durch ihr Zusammenspiel dazu führen, dass viele junge Menschen durch das System fallen:

1. Einbahnstrasse Abschluss: Das Abitur ist das anvisierte Ziel, alle vorherigen Abschlüsse liegen auf der Skala hinten. Das Abitur ist der geeignete Abschluss für jemanden, der zur Universität oder Fachhochschule wechseln will. Was ist mit jenen, die sich für kaufmännische, technische, medienspezifische, kreative, handwerkliche Berufszweige interessieren? Wie lauten die Lehrplaninhalte für sie und wie ihre Abschlüsse?

2. Noten ab der 2. Klasse: Für junge Menschen ist die Note ein Urteil über die Person, nicht über die Fähigkeiten. Das Selbstwertgefühl leidet unter ihnen ebenso wie der Lernprozess selbst. Genügt es nicht, wenn die jungen Menschen kurz vor Eintritt ins Berufsleben getestet, beurteilt und bewertet werden?

3. Fächer-, Stunden-, Lehrkörper-Zwang: Selbst jene Fächer, die wählbar sind, sind nur Papierwahlen, weil der Unterrichtsinhalt vorgesetzt wird. Das Leben ist weder in Fächer noch in Stunden unterteilt, sondern nach Themen und zusammenhängend. Und wieso hat die Lehrkraft Angst davor, dass junge Menschen nach Sympathie entscheiden, von wem sie lernen und von wem nicht?

4. Altersgruppierung: Statt eine Mischung unterschiedlicher Altersgruppen zu zulassen, wird nach Alter sortiert und diese Gruppe in einer Klasse zusammengefasst unterrichtet. Voneinander Lernen wird erschwert.

5. Zu große Lerngruppen/ zu große Schulen: Wieso nicht mehr als ein Lehrer in einer Kleingruppe einsetzen? Wieso möglichst viele Schüler in einer Schule zusammenfassen?

6. Zu wenig Praxis/ Praktika: Erfolgreiche Schulen bieten nicht nur ein obligatorisches Praktikum an, sondern lassen mehrere Praktika zu, haben im Kanon feste Projektphasen etabliert und lassen Schüler so oft es geht praktisch lernen. Wie sollen Jugendliche das Interesse an kognitiven Lerninhalten aufwenden, wenn sie nicht wissen, worauf sich dieses Lernen richtet, denn zukünftige Inhalte sind für ihr Leben irrelevant?

7. Schule – ohne Bezug zum Leben: Einige Inhalte berühren die Lebenswelt der Schüler mehr, andere weniger, viele gar nicht. Unaufhaltsam wächst der Berg an angestaubtem Wissen, der mit dem Nürnberger Trichter den Gymnasiasten und mit einem etwas humanerem den anderen Schülern aufoktruiert wird. Lebensweltliche Aspekte (wie finde ich eine Wohnung und worauf achte ich beim Unterschreiben eines Mietvertrages) oder berufliche Aspekte (was ist Rechnungswesen, wie setze ich ein geschäftliches/offizielles Schreiben auf?) werden in der Regel nicht behandelt.

8. Jeder lernt zur gleichen Zeit das Gleiche: Lernen gehört zum Menschsein, selbstbestimmtes Lernen betreiben alle von Anfang an. Wir erkennen es Menschen ab dem 6. Lebensjahr ab, selbst einen Rhythmus und eine passende Zeit zu finden. Wieso glauben wir, das Lernen anderer zu beherrschen als könnten wir das Denken anderer bestimmen? Wieso riskieren wir keine Fehler, wo doch der Lernweg so lang ist?

Diese acht Punkte machen kein neues Schulsystem. Diese Punkte bilden den Ausgangspunkt für ein Denken, in dem auch junge Menschen selbst ihr Lernen definieren, die Inhalte bestimmen und ihre Ziele abstecken.