Ein (Schul-)Educamp – und das soll Spaß machen?

Jetzt-auch-m.it/ war das Schlagwort, das alles ermöglichte, eben auch mit Kinder beim Barcamp für Bildungssüchtige. Fortbildungen, in denen Kinder geduldet sind oder zu denen sie mitgebracht werden, weil sonst die Eltern nicht teilnehmen können, habe ich als Mutter schon mannigfaltig erlebt. Worin sollte also auch das Besondere liegen, dass das Educamp jetzt-auch-m.it/ Kindern sei? Im Grunde doch schade, wenn es vorher für Eltern nicht zugänglich war, weil es keine Betreuungsideen gab.
Gibro führte mich lange vor dem Event im Herbst über das Geländer und zeigte mir den Fußballkäfig, die Bowlingbahn, das Schwimmbad und die Jugenddisko. Natürlich wusste ich sofort, wenn ich schon meine Kinder zu einem Barcamp schleppen werde, weil ich dahin will, dann haben sie hier wenigstens ein Unterhaltungsprogramm, mit dem sie selbst Spaß haben können. Ich war von seinem Rundgang und den Möglichkeiten für alle Teilnehmer begeistert. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass wir gar keine Teilnehmer sondern Teilgeber seien werden. Auf jedem Barcamp lerne ich dazu, selbst bei den Details sind noch einige Punkte zu vergeben.

Was genau ist ein Educamp? (siehe Video)  Diese Frage wurde mir schon so oft gestellt, immer wenn ich für das Barcamp Werbung schlug. Eigentlich ist es ganz einfach, da denken Bildungsbegeisterte oder Bildungssüchtige, die in der Regel an neuen Medien und deren Nutzung für die Bildung interessiert sind, über die Möglichkeiten und Grenzen und Formen von Bildungsräumen nach, diskutieren neue Ideen oder zeigen sich neue Methoden oder Tools aus dem E-Learning-Sektor. Diesmal – so sagte Gibro – ginge es um außerschulische Lernbereiche. Doch wer kann schon vorher sagen, was für Themen die Camper besprechen wollen und wofür sie sich begeistern. Und dann die große Überraschung, die Mehrzahl der Teilgeber waren also Lehrkräfte! Die Themen entstammten so dann schnell wieder innerschulische Lernbereiche. Außerdem ist ein Barcamp der Lernort jener, die dort hinkommen und sie bestimmen maßgeblich, was sie machen wollen. Allerdings glaube ich, dass nach 48 Stunden Barcamp dennoch so viel Möglichkeiten ungenutzt geblieben sind, dass man durchaus ein Barcamp in Hattingen wiederholen könnte, damit all die anderen Bereiche zum Einsatz kommen: Fußballkäfig, Sauna als Leseraum, Gymnastik und Yoga, Bogenschießen, Kletterwand, etc.

Wenn Lehrer und Kinder und Jugendliche zusammentreffen, dann nennt man das Schule. Im Grunde war dieses Barcamp dann ein Schul-Educamp? Nein, auf keinen Fall, denn es passierte etwas ganz anderes, was ich in dieser Form nur an einem anderen Ort erlebt habe. Als ich in der Kommune Niederkaufungen in Kassel war, behandelten die Erwachsenen die Jugendlichen oder Kinder wie andere Menschen, die schon erwachsen genug sind, „normal“ behandelt zu werden. Das klingt eigenartig, deswegen will ich das erklären. Es gibt zwei Arten, wie Erwachsene auf Jugendliche und Kinder reagieren:

  1. Möglichkeit eins ist, sie zu verzuckern, weil sie so putzige Ansichten haben, so süß sprechen oder überhaupt ganz niedlich sind. Dinge werden ihnen möglichst „kindgerecht“ vermittelt und vor einigen Dingen müssen sie verschont werden.
  2. Möglichkeit zwei ist, dass sie von Erwachsenen bevormundet werden, dass ihnen die Welt erklärt wird und das mit erhobenen Lehrerzeigefinger. Der Tonfall zeigt bereits, dass der Lehrer es weiß und sich nicht selbst als Suchender zu erkennen gibt; der Lehrer vermittelt die richtige Sicht und die richtige Methode, die Schüler sind die Idioten, die nicht richtig verstehen oder nicht richtig lernen wollen. So sieht zumindest die Realität an unseren Schulen häufig aus, allerdings der Gerechtigkeit halber, nicht nur da.

Nach meiner Erfahrung verhalten sich die meisten Erwachsenen Jugendlichen und Kindern gegenüber überheblich, wissend und autoritär. Als ich vor vielen Jahren in Kaufungen war, dachte ich ernsthaft darüber nach, dort zu leben, damit die Kinder in einer wertfreieren Atmosphäre großwerden können.

Und nun begann das Educamp. Ich bereitete mich im Geiste darauf vor, dass ich meinen Kindern Zaumzeug anlegen müsste, denn meine Kinder sind wilde, laute, kribbelige, eigenwillige und verspielte Freigeister, die dadurch oft bei Erwachsenen anecken. Doch ich dachte, dass ja auch andere Kinder dort sein werden und deswegen auch meine Kinder mit denen werden abziehen wollen. Es kam anders. Wie in Kaufungen kamen auf dem Educamp Menschen zusammen, groß und klein, die sich als Lerner und Interessierte begegneten, es machte gar kein Unterschied, ob ich als Erwachsener an einer Session teilnahm, die ein Kind angeboten hatte oder ob ein Kind an einer Session teilnahm, die von einem Erwachsenen angeboten wurde. Ich weiß von meinen Kindern, dass sie sich unglaublich wohl gefühlt haben und so am liebsten nur lernen wollen. Sie bieten eine Session an, wenn sie das wollen, und da kommen andere hin. Oder sie gehen zu einer Session und niemand stört es, wenn sie wieder rausgehen, wenn es nichts für sie ist. Mir erzählten sie von Sessions, von denen ich gedacht hätte, dass sie ihnen zu theoretisch sind. Sie beteiligten sich nicht nur in den Sessions, sondern auch bei der Planung, als der Praktikant von Gibro eine Session zum Spielentwickeln anbot, widersprach Elias und meinte, es gäbe ein besseres Programm als das genannte und erklärte ihm kurz, welches er meinte und wie es funktioniert. In der Planung wollten sie dann die Session gemeinsam leiten.

Von einer Session möchte ich euch erzählen, denn da war ich direkt dabei. Meine Tochter Lucy (10) war schon sehr müde, hatte schon vieles zu verdauen gehabt, und hing mir im Arm, während Tine und Gibro in ihrer Session das Podcasten erklärten. Ich dachte, dass Lucy sich gleich gelangweilt davontrollt, doch sie blieb und nahm an der ersten Aufnahmerunde teil. Wie setzten uns dafür die Kopfhörer mit Mikro auf und hörten uns in einer Klarheit sprechen, die fremdartig war. Vermutlich wurden alle Nebengeräusche raus gefiltert und wir konnten so dem konzentrierten Klang der eigenen Stimme lauschen. Lucy war begeistert und überlegte direkt, was sie damit machen konnte. Sie fragte Gibro, was sie dafür braucht, damit sie loslegen kann. Er erklärte ihr, dass welche Apps und welche Computerprogramme dafür nötig wären. Um ihr das zu erklären, setzte er sich auf einen Stuhl und begab sich direkt auf Augenhöhe. Seine Stimme hatte keinen Lehrerklang, sondern sie hörte sich an, als erklärte er mir das. Sie sagte, dass sie sich das so auf keinen Fall merken würde und er ihr das aufschreiben soll, weil sie nichts zu schreiben hätte. Er begab sich auf die Suche nach einem Block und Stift und schrieb ihr alles nochmals auf, wobei er bei jedem Wort eine kurze Definition verbal und schriftlich hinzufügte. Lucy kommentierte die Krakelschrift und ich mischte mich zum ersten Mal ein, sagte, dass ich das entziffern könnte. Gibro nickte dazu nur und fragte sie, ob sie alles verstanden hatte. Abschließend meinte er noch, dass sie nachfragen könnte, wenn sie sich an den Tools ausprobiert hat, dann würde er ihr helfen. Ich fand es sehr angenehm, die beiden zu beobachten, denn ich kenne diese Umgangsform von nur sehr wenigen Menschen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich genau diese Form des Umgangs bei diesem Educamp ausschließlich gesehen habe. Die Kinder waren gleichberechtigte Lerner und Interessierte.

Was wäre ich für eine Bildungssüchtige, wenn ich nicht direkt überlegen würde, was das für mich und meine Funktion als Lehrerin an der Schule bedeutet. Das setzt sich aus zwei Modulen zusammen:

  1. befasse ich mich zurzeit intensiver mit Gewaltfreier Kommunikation oder – wie ich das schöner ausgedrückt finde – mit wertschätzender Kommunikation. In dieser Kommunikationstheorie geht es darum, dass wir die Gedanken von Autorität und respektvollem Verhalten wie es die gesellschaftliche Norm vorsieht zu Gunsten einer verstehenden Kommunikation fahren lassen. Übrigens war mein Erstkontakt mit dieser Theorie auf meinem ersten Barcamp von der AdZ-Regionalgruppe, die von Gibro geleitet bzw. inszeniert wurde. Das Konzept der wertschätzenden Kommunikation ist das Verstehen des anderen und damit das Auflösen von Barrieren. Weshalb uns das so schwerfällt, liegt an den entstandenen Verletzungen und daraus resultierenden Gefühlen, die als eigenständige Mechanismen in uns wirken. Da mein Schulalltag von Störungen und Unterbrechungen durchsetzt ist, da ich meinen Stoff sowieso nur in Zeitlupe durchbekomme, fehlte mir selbst ein Werkzeug, wie ich bei mir bleiben konnte, wie ich auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und Kinder eingehen konnte ohne meine eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.
  2. denke ich, dass ich mich noch intensiver auf die Jugendlichen und Kinder als Mitlerner einlassen kann, dass ich ihnen deutlicher signalisieren sollte, nicht allein zu wissen, was gut oder richtig ist. Ihnen dann auch selbst den Prozess des Lernens bewusst zu machen, wäre nochmals hilfreich. Es gibt auch in meinem Unterricht noch zu oft das Dozieren als Tonfall, selbst wenn ich das gar nicht beabsichtige. Mir dessen nochmals bewusst zu werden und darauf Einfluss zu nehmen, dafür war dieses Miteinanderlernen des Educamps sehr hilfreich.

Dahinter steckt die Frage, ob ein anderes Lernen für die jüngeren Generationen irgendwann einmal möglich wird, doch da steht dieses Educamp wie eine Vision. Visionen sind möglich, wenn auch manchmal nur in der Phantasie. Ich will denken und träumen, dass irgendwann für meine Enkelkinder diese Vision vom Lernen wahr werden kann.

Danke, liebe Educamper

Bis Stuttgart

Scarlett / #casamial

 

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