Mittelstufenphase – alternatives Schulkonzept

Kurze Einleitung für jene, die nicht alle anderen Teile des Blogs durchgelesen haben und dennoch wissen wollen, worum es hier geht:

In diesem Teil des Blogs stelle ich die Idee einer Schule vor, in der Schüler selbstbestimmt lernen und sich durch die Inhalte auf die Welt außerhalb der Schule vorbereiten können, entsprechend ihren spezifischen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wünschen. Zugrund liegt die These, dass der Mensch an sich ein Lerner ist, der für sich in der Lage ist zu entscheiden, was er lernen kann und will und dafür keine extrinisisch motivierten Reize benötigt.

Diese Annahme geht auf zahlreiche Beobachtungen des Lernverhaltens meiner Kinder sowie Schüler und Schülerinnen zurück. Einige Beispiel finden sich immer wieder bei der Darlegung der Theorie und der Idee.

Ich gehe davon aus. dass häufig für Schüler oder Schülerinnen der Zeitpunkt einer Unterrichtseinheit falsch gewählt ist, weil  sie gerade einen anderen Lernschwerpunkt gebildet haben. Natürlich kann ein starres Stundeplangerüst und ein steifes Fächerkonzept diesem individuellem Rhythmus nicht gerecht werden. Manche Inhalte bauen auch aufeinander auf und lassen sich nicht übergehen, wie zum Beispiel im Fach „Mathematik“. Aber ist das wirklich so? 

Wenn die Absicht ist, dass mehr Schüler lernen, was ein Lehrer anbietet, dann muss der Rahmen verändern werden. Davon handelt diese Idee

Der wesentliche Aspekt des Umdenkens und Grundlage dieser Konzeptidee ist der, dass der Schüler oder die Schülerin nicht belehrt werden muss, sondern als Lerner ernstgenommen wird. Im Kindergarten und als ausgelernter Erwachsener kann der Mensch sich seine Lernaufgaben und seine Lehrer selbst auswählen; er darf die Zeit festlegen, die er für eine Aufgabe braucht. Die Schulzeit und die Ausbildungszeit allerdings entmündigen den Lerner, er wird der Kontrolle unterworfen. Das Risiko, die Kontrolle aufzugeben, wurde von einigen Reformpädagogen erfolgreich durchgeführt und dennoch sind wir zur Aufgabe der Kontrolle nicht bereit.

Wie ich bereits an anderer Stelle sagte, gehe ich von einer Mittelstufe aus. Dieser Zeitpunkt wird bei den Schülern vor allem durch ihre Pubertät geprägt. Wenn die jungen Menschen das Zwischenstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein durchleben, dann hat es vor allem damit zu tun, dass sie ihre bisherige Welt in Frage stellen, dass sie die Erwachsenen als Vorbilder in Frage stellen und sie kritisieren. Sie erreichen eine neue Bewusstseinsebene und damit sind sie in der Lage, zu ihrer Umwelt Stellung zu beziehen. Sie merken zu dieser Zeit, dass die Lehrer ihnen etwas beibringen wollen, was sie als gegeben hinnehmen sollen. Der herkömmliche Unterricht funktioniert nicht. Hinzukommt, dass die Schüler und Schülerinnen durch die hormonelle körperliche Umstellung oft anderwertig beantsprucht werden und im Grunde zu dieser Zeit kognitiv nicht gut lernen können. An Bedeutung gewinnt das andere Geschlecht, das Leben nach der Schule und die unmittelbare Zukunftsperspektive. Es wird den Schülern bewusst, zu welcher sozialen Schicht sie gehören und was von ihnen erwartet wird. An dieser Stelle muss der Heranwachsende anders wahrgenommen werden.

Von dem Grundsatz ausgehend, dass das Lernen stets ein freiwilliger Akt ist, denn jeder Lerner muss dazu bereits sein, einen Entwicklungsschritt zu tun, muss dem Lerner ein Angebot gemacht werden, was zu seiner Entwicklung passt – auch in der Schule.

Die Kinder werden nach einer Prüfung, ob sie die Reife für einen weiteren Entwicklungssprung haben, in eine Mittelstufeneinrichtung eingeschult. Das Alter wird i. d. R. zwischen 12 und 14 Jahren erreicht werden. Diese Prüfung sollte nicht ein bestimmtes Wissen abfragen, sondern den Entwicklungsstand des Kindes ohne die kritische Bewertung von Noten anzeigen.

Im ersten Halbjahr werden die Schüler in kleinen Gruppen unter sich bleiben, ein älterer Mentor an der Seite, der sie unterstützt und ihnen das System nahelegt. Aber wie sieht dieses mögliche System aus?

Ab der Mittelstufe werden die SchülerInnen altersgemischt in kleinen Lerngruppen bis 14 SchülerInnen zu unterschiedlichen Themen statt in diversen Fächern unterrichtet. Das Thema wird als Projekt in verschiedenen Stufen erarbeitet, dabei sollte es längere und kürzere Projektphasen geben. Den unerfahreneren Schülern und Schülerinnen werden kürzere Projekte am Anfang empfohlen, da sie die Ausdauer für längere Projekte erst erwerben müssen. Ein solches Modul eines solchen Projektes könnte ungefähr so aussehen:

Grundmodul zum Thema „Spiel“

Historische Entwicklung Soziale Entwicklung Spielformen Spielarten Erfahrungen mit Spielen aller Art Herstellung eines Spiels
Römische Spiele Babyspiele Gesellschaftsspiel Brettspiel Brettspiele Marktanalyse
Holzspiele Kindliche Entwicklung Gruppenspiel Abenteuerspiel Outdoor-Spiele Festlegung einer Kategorie
Spiegel der Gesellschaft: Soldaten und Puppen Hirnprozesse beim Spiel Tischspiele Geduldspiel/ Geschicklichkeitsspiel Computerspiele Kreativphase
Hirnentwicklung bei Computerspiele Outdoor-Spiele Lernspiel Denkspiele Festlegen einzelner Handlungsschritte
Simulation der Wirklichkeit Glücksspiel Großgruppenspiele Regelwerk
Computerspiele/ Wii Nutzen und Gefahren durchs Spielen Strategiespiel Probelauf

Ziel 1: Selbständige Entwicklung eines Spiels mit Spielanleitung, Geräten und Marktanalyse, damit es sich vermarkten ließe oder

Ziel 2: Museumsausstellung oder Dokumentation zur Entwicklung des Spiels für das Individuum oder für die Gesellschaft.

Dauer: 3 Monate

Unterrichtsfächer: (Hauptsächlich) Geschichte, Technik, Pädagogik, IT, Wirtschaft, Kunst; (Nebensächlich) Sport, Deutsch

Natürlich ist das nur eine erste Idee, das muss letztlich genauer konzipiert werden. Festgelegt werden sollte auch, was genau damit der Schüler oder Schülerin lernen kann, denn sicher kann das auch mit anderen Inhalten ebenfalls erlernt werden. Damit kann ein anderes Thema ersatzweise gewählt werden. Die Schüler haben so die Möglichkeit, selbst zu wählen, wodurch sie die Aufgabe lernen können. Wenigstens zwei Lehrer stehen für ein Modul zur Verfügung, im günstigsten Fall ein englischsprachiger und ein deutschsprachiger, so dass Teilbereiche bilingual erteilt werden können. Die Module werden in rhythmischen Zeiten wiederholt, allerdings sollten die Lehrkräfteteams wechseln, damit die Schüler und Schülerinnen in der Lage sind, sich ihre Lehrer selbst zu wählen. Statt Noten gibt es Abschlussarbeiten einzelner Module, die gemeinsam in der Gruppe reflektiert werden. Diese Abschlussarbeiten sind entsprechend vielschichtig und unterschiedlich. Sie dienen dem Schüler/ der Schülerin dazu, ein Portfolio für die Orientierungsstufe und für die Bewerbung zusammenzustellen. Es gibt Grund- und Erweiterungsmodule. Die Erweiterungsmodule können erst nach den Grundmodulen belegt werden, so dass in den Grundmodule erste wichtige Fertigkeiten erlangt werden können, die in den Erweiterungsmodulen vertieft werden können. Diese Erweiterungsmodule zeigen allerdings bereits Schwerpunktinteressen und sollten eine erste Verteilung von eher technischen, eher handwerklichen, eher akademischen oder eher kreativen Bereichen ergeben. Aber neben diesen Bereichen muss in Grundmodulen lebensweltliche Erfahrnungen erprobt werden, damit die Lerner nicht als Erwachsene mit Fragen nach Beruf, Wohnung oder Familiengründung sich selbst überlassen sind.

Ein Versuch wäre die Abschaffung von Zwangskursen und das Einräumen von Grundqualifikationen für einzelne Praktikumsstufen.

Ein Beratungslehrer steht jedem Schüler und jeder Schülerin direkt zur Seite und führt für den Schüler bzw. für die Schülerin Buch über dessen/ deren Lernfortschritte. Ein Beratungslehrer kann immer nur eine geringe Zahl an Schülern und Schülerinnen betreuen; der Schüler oder die Schülerin darf sich diesen selbst wählen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind die Praktika, von denen vier von je 8 bis 12 Wochen Dauer absolviert werden, damit der Schüler oder die Schülerin nach der Mittelstufe anhand der Orientierungstestphase, der Beratungsgespräche und anhand seiner Erfahrungen eine Entscheidung treffen kann, welchen Abschluss er anstrebt. Als erstes Praktikum kann sich der Lerner einen sozialen Bereich wählen. Bei einer völligen Fehleinschätzung seiner Fähigkeiten darf er einmal abbrechen und neu wählen. Das soziale Praktikum innerhalb der Pubertät dient zur Überwindung der häufigen Berührungsängste mit bestimmten von unserer Gesellschaft inzwischen abgesonderten Gruppen sowie der Charakterbildung, weil der Lerner in dieser Phase erkennen kann, dass es mehr gibt, als Mode, Chaträume und Spiele. Für manche kann das zu sozialem Engagement führen oder die Berufswahl beeinflussen. EIn handwerkliches, ein technisches und ein kaufmännische Praktikum kann dafür genutzt werden, unterschiedliche Branchen kennenzulernen und eventuelle erste Berufswünsche auszuloten, dabei verschiedene von jedem Lerner erleben zu lassen kann ebenfalls zu neuen Entdeckungen und Erfahrungen führen. In dem Alterszeitraum wollen junge Menschen eigene Erfahrungen machen und sie wollen sich probieren, sich nicht sagen lassen, was gefährlich ist und was nicht. In dem Moment, da sie diese Erfahrungen machen dürfen, lassen sie sich andererseits eher vernunftgemäß leiten und beraten. Die Schüler und Schülerinnen wählen ein letztes Praktikum selbst aus, welches auch im Ausland und zu den Bereichen „Medien“ und „Akademische Laufbahn“ absolviert werden kann.

Daran schließt sich die Orientierungsphase mit dem Ziel, den Abschluss zu ermitteln, der für die zukünftige Laufbahn des Lerners in Frage kommt. Dabei wird anhand eines unbewerteten Entwicklungsstandtestes ermittelt, welche Fähigkeiten der Jugendliche erworben hat, was ihm selbst Spaß macht und was ihm leicht fehlt. In Beratungs- und Orientierungsgesprächen werden die Erfahrungen der vergangenen Jahre ausgetauscht. Der Lerner entwickelt oder spezifiziert seinen Berufswunsch.

Nach einem letzten branchenfreiwählbares Praktikum, in dem auch die Bereiche „Medien“ und „Akademische Laufbahn“ offen stehen, und einer Orientierungsphase zum angestrebten Abschluss nimmt jeder Lerner an einem großen künstlerischen Projekt teil: Musik, Darstellung, Gestaltung, Theater. Dieses Projekt soll mit Lehrkräften wie auch mit Fachleuten geschaffen werden und dient gleichzeitig der Abschlussveranstaltung einer Lerngruppe, die in die Abschlussphase eintritt.

Sprachen sollten nicht mehr vom Buch erlernt werden, sie werden bilingual eingebunden in das Geschehen, so dass der Schüler automatisch die Sprache mitlernt – als Wesen, das sich sprachlich ausdrücken will, erwirbt der Mensch schnell eine Sprache (siehe: Bilingualer Ansatz an Schulen). Auch hierzu gibt es bereits Vorlagen, so werden an der Ruhr-Universität-Bochum im Schülerlabor bereits Workshops zu Plasmaphysik für Schüler und Schülerinnen bilingual angeboten.

Insgesamt umfasst die Mittelstufe ca. fünf Jahre, je nach dem, wie viel Zeit der einzelne Lerner benötigt.

Da dieses System nicht auf die 100%ige Kontrolle aufbaut, sondern auf der Freiwilligkeit des Lerners wird es immer Heranwachsende geben, die sich entziehen werden. Es wird auch Zeiten geben, in denen die Lerner sich mit anderen Dingen befassen werden. Anstatt allerdings die Schüler zu kontrollieren, damit jeder Schüler jederzeit überwacht ist und niemals die Aufsichtspflicht auch nur einen Moment verletzt werden kann, sollten wir dazu übergehen, den Schülern Rückzugsräume anzubieten.

Zur Abschlussphase komme ich später.

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