Mittelstufenphase – alternatives Schulkonzept

Kurze Einleitung für jene, die nicht alle anderen Teile des Blogs durchgelesen haben und dennoch wissen wollen, worum es hier geht:

In diesem Teil des Blogs stelle ich die Idee einer Schule vor, in der Schüler selbstbestimmt lernen und sich durch die Inhalte auf die Welt außerhalb der Schule vorbereiten können, entsprechend ihren spezifischen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wünschen. Zugrund liegt die These, dass der Mensch an sich ein Lerner ist, der für sich in der Lage ist zu entscheiden, was er lernen kann und will und dafür keine extrinisisch motivierten Reize benötigt.

Diese Annahme geht auf zahlreiche Beobachtungen des Lernverhaltens meiner Kinder sowie Schüler und Schülerinnen zurück. Einige Beispiel finden sich immer wieder bei der Darlegung der Theorie und der Idee.

Ich gehe davon aus. dass häufig für Schüler oder Schülerinnen der Zeitpunkt einer Unterrichtseinheit falsch gewählt ist, weil  sie gerade einen anderen Lernschwerpunkt gebildet haben. Natürlich kann ein starres Stundeplangerüst und ein steifes Fächerkonzept diesem individuellem Rhythmus nicht gerecht werden. Manche Inhalte bauen auch aufeinander auf und lassen sich nicht übergehen, wie zum Beispiel im Fach „Mathematik“. Aber ist das wirklich so? 

Wenn die Absicht ist, dass mehr Schüler lernen, was ein Lehrer anbietet, dann muss der Rahmen verändern werden. Davon handelt diese Idee

Der wesentliche Aspekt des Umdenkens und Grundlage dieser Konzeptidee ist der, dass der Schüler oder die Schülerin nicht belehrt werden muss, sondern als Lerner ernstgenommen wird. Im Kindergarten und als ausgelernter Erwachsener kann der Mensch sich seine Lernaufgaben und seine Lehrer selbst auswählen; er darf die Zeit festlegen, die er für eine Aufgabe braucht. Die Schulzeit und die Ausbildungszeit allerdings entmündigen den Lerner, er wird der Kontrolle unterworfen. Das Risiko, die Kontrolle aufzugeben, wurde von einigen Reformpädagogen erfolgreich durchgeführt und dennoch sind wir zur Aufgabe der Kontrolle nicht bereit.

Wie ich bereits an anderer Stelle sagte, gehe ich von einer Mittelstufe aus. Dieser Zeitpunkt wird bei den Schülern vor allem durch ihre Pubertät geprägt. Wenn die jungen Menschen das Zwischenstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein durchleben, dann hat es vor allem damit zu tun, dass sie ihre bisherige Welt in Frage stellen, dass sie die Erwachsenen als Vorbilder in Frage stellen und sie kritisieren. Sie erreichen eine neue Bewusstseinsebene und damit sind sie in der Lage, zu ihrer Umwelt Stellung zu beziehen. Sie merken zu dieser Zeit, dass die Lehrer ihnen etwas beibringen wollen, was sie als gegeben hinnehmen sollen. Der herkömmliche Unterricht funktioniert nicht. Hinzukommt, dass die Schüler und Schülerinnen durch die hormonelle körperliche Umstellung oft anderwertig beantsprucht werden und im Grunde zu dieser Zeit kognitiv nicht gut lernen können. An Bedeutung gewinnt das andere Geschlecht, das Leben nach der Schule und die unmittelbare Zukunftsperspektive. Es wird den Schülern bewusst, zu welcher sozialen Schicht sie gehören und was von ihnen erwartet wird. An dieser Stelle muss der Heranwachsende anders wahrgenommen werden.

Von dem Grundsatz ausgehend, dass das Lernen stets ein freiwilliger Akt ist, denn jeder Lerner muss dazu bereits sein, einen Entwicklungsschritt zu tun, muss dem Lerner ein Angebot gemacht werden, was zu seiner Entwicklung passt – auch in der Schule.

Die Kinder werden nach einer Prüfung, ob sie die Reife für einen weiteren Entwicklungssprung haben, in eine Mittelstufeneinrichtung eingeschult. Das Alter wird i. d. R. zwischen 12 und 14 Jahren erreicht werden. Diese Prüfung sollte nicht ein bestimmtes Wissen abfragen, sondern den Entwicklungsstand des Kindes ohne die kritische Bewertung von Noten anzeigen.

Im ersten Halbjahr werden die Schüler in kleinen Gruppen unter sich bleiben, ein älterer Mentor an der Seite, der sie unterstützt und ihnen das System nahelegt. Aber wie sieht dieses mögliche System aus?

Ab der Mittelstufe werden die SchülerInnen altersgemischt in kleinen Lerngruppen bis 14 SchülerInnen zu unterschiedlichen Themen statt in diversen Fächern unterrichtet. Das Thema wird als Projekt in verschiedenen Stufen erarbeitet, dabei sollte es längere und kürzere Projektphasen geben. Den unerfahreneren Schülern und Schülerinnen werden kürzere Projekte am Anfang empfohlen, da sie die Ausdauer für längere Projekte erst erwerben müssen. Ein solches Modul eines solchen Projektes könnte ungefähr so aussehen:

Grundmodul zum Thema „Spiel“

Historische Entwicklung Soziale Entwicklung Spielformen Spielarten Erfahrungen mit Spielen aller Art Herstellung eines Spiels
Römische Spiele Babyspiele Gesellschaftsspiel Brettspiel Brettspiele Marktanalyse
Holzspiele Kindliche Entwicklung Gruppenspiel Abenteuerspiel Outdoor-Spiele Festlegung einer Kategorie
Spiegel der Gesellschaft: Soldaten und Puppen Hirnprozesse beim Spiel Tischspiele Geduldspiel/ Geschicklichkeitsspiel Computerspiele Kreativphase
Hirnentwicklung bei Computerspiele Outdoor-Spiele Lernspiel Denkspiele Festlegen einzelner Handlungsschritte
Simulation der Wirklichkeit Glücksspiel Großgruppenspiele Regelwerk
Computerspiele/ Wii Nutzen und Gefahren durchs Spielen Strategiespiel Probelauf

Ziel 1: Selbständige Entwicklung eines Spiels mit Spielanleitung, Geräten und Marktanalyse, damit es sich vermarkten ließe oder

Ziel 2: Museumsausstellung oder Dokumentation zur Entwicklung des Spiels für das Individuum oder für die Gesellschaft.

Dauer: 3 Monate

Unterrichtsfächer: (Hauptsächlich) Geschichte, Technik, Pädagogik, IT, Wirtschaft, Kunst; (Nebensächlich) Sport, Deutsch

Natürlich ist das nur eine erste Idee, das muss letztlich genauer konzipiert werden. Festgelegt werden sollte auch, was genau damit der Schüler oder Schülerin lernen kann, denn sicher kann das auch mit anderen Inhalten ebenfalls erlernt werden. Damit kann ein anderes Thema ersatzweise gewählt werden. Die Schüler haben so die Möglichkeit, selbst zu wählen, wodurch sie die Aufgabe lernen können. Wenigstens zwei Lehrer stehen für ein Modul zur Verfügung, im günstigsten Fall ein englischsprachiger und ein deutschsprachiger, so dass Teilbereiche bilingual erteilt werden können. Die Module werden in rhythmischen Zeiten wiederholt, allerdings sollten die Lehrkräfteteams wechseln, damit die Schüler und Schülerinnen in der Lage sind, sich ihre Lehrer selbst zu wählen. Statt Noten gibt es Abschlussarbeiten einzelner Module, die gemeinsam in der Gruppe reflektiert werden. Diese Abschlussarbeiten sind entsprechend vielschichtig und unterschiedlich. Sie dienen dem Schüler/ der Schülerin dazu, ein Portfolio für die Orientierungsstufe und für die Bewerbung zusammenzustellen. Es gibt Grund- und Erweiterungsmodule. Die Erweiterungsmodule können erst nach den Grundmodulen belegt werden, so dass in den Grundmodule erste wichtige Fertigkeiten erlangt werden können, die in den Erweiterungsmodulen vertieft werden können. Diese Erweiterungsmodule zeigen allerdings bereits Schwerpunktinteressen und sollten eine erste Verteilung von eher technischen, eher handwerklichen, eher akademischen oder eher kreativen Bereichen ergeben. Aber neben diesen Bereichen muss in Grundmodulen lebensweltliche Erfahrnungen erprobt werden, damit die Lerner nicht als Erwachsene mit Fragen nach Beruf, Wohnung oder Familiengründung sich selbst überlassen sind.

Ein Versuch wäre die Abschaffung von Zwangskursen und das Einräumen von Grundqualifikationen für einzelne Praktikumsstufen.

Ein Beratungslehrer steht jedem Schüler und jeder Schülerin direkt zur Seite und führt für den Schüler bzw. für die Schülerin Buch über dessen/ deren Lernfortschritte. Ein Beratungslehrer kann immer nur eine geringe Zahl an Schülern und Schülerinnen betreuen; der Schüler oder die Schülerin darf sich diesen selbst wählen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind die Praktika, von denen vier von je 8 bis 12 Wochen Dauer absolviert werden, damit der Schüler oder die Schülerin nach der Mittelstufe anhand der Orientierungstestphase, der Beratungsgespräche und anhand seiner Erfahrungen eine Entscheidung treffen kann, welchen Abschluss er anstrebt. Als erstes Praktikum kann sich der Lerner einen sozialen Bereich wählen. Bei einer völligen Fehleinschätzung seiner Fähigkeiten darf er einmal abbrechen und neu wählen. Das soziale Praktikum innerhalb der Pubertät dient zur Überwindung der häufigen Berührungsängste mit bestimmten von unserer Gesellschaft inzwischen abgesonderten Gruppen sowie der Charakterbildung, weil der Lerner in dieser Phase erkennen kann, dass es mehr gibt, als Mode, Chaträume und Spiele. Für manche kann das zu sozialem Engagement führen oder die Berufswahl beeinflussen. EIn handwerkliches, ein technisches und ein kaufmännische Praktikum kann dafür genutzt werden, unterschiedliche Branchen kennenzulernen und eventuelle erste Berufswünsche auszuloten, dabei verschiedene von jedem Lerner erleben zu lassen kann ebenfalls zu neuen Entdeckungen und Erfahrungen führen. In dem Alterszeitraum wollen junge Menschen eigene Erfahrungen machen und sie wollen sich probieren, sich nicht sagen lassen, was gefährlich ist und was nicht. In dem Moment, da sie diese Erfahrungen machen dürfen, lassen sie sich andererseits eher vernunftgemäß leiten und beraten. Die Schüler und Schülerinnen wählen ein letztes Praktikum selbst aus, welches auch im Ausland und zu den Bereichen „Medien“ und „Akademische Laufbahn“ absolviert werden kann.

Daran schließt sich die Orientierungsphase mit dem Ziel, den Abschluss zu ermitteln, der für die zukünftige Laufbahn des Lerners in Frage kommt. Dabei wird anhand eines unbewerteten Entwicklungsstandtestes ermittelt, welche Fähigkeiten der Jugendliche erworben hat, was ihm selbst Spaß macht und was ihm leicht fehlt. In Beratungs- und Orientierungsgesprächen werden die Erfahrungen der vergangenen Jahre ausgetauscht. Der Lerner entwickelt oder spezifiziert seinen Berufswunsch.

Nach einem letzten branchenfreiwählbares Praktikum, in dem auch die Bereiche „Medien“ und „Akademische Laufbahn“ offen stehen, und einer Orientierungsphase zum angestrebten Abschluss nimmt jeder Lerner an einem großen künstlerischen Projekt teil: Musik, Darstellung, Gestaltung, Theater. Dieses Projekt soll mit Lehrkräften wie auch mit Fachleuten geschaffen werden und dient gleichzeitig der Abschlussveranstaltung einer Lerngruppe, die in die Abschlussphase eintritt.

Sprachen sollten nicht mehr vom Buch erlernt werden, sie werden bilingual eingebunden in das Geschehen, so dass der Schüler automatisch die Sprache mitlernt – als Wesen, das sich sprachlich ausdrücken will, erwirbt der Mensch schnell eine Sprache (siehe: Bilingualer Ansatz an Schulen). Auch hierzu gibt es bereits Vorlagen, so werden an der Ruhr-Universität-Bochum im Schülerlabor bereits Workshops zu Plasmaphysik für Schüler und Schülerinnen bilingual angeboten.

Insgesamt umfasst die Mittelstufe ca. fünf Jahre, je nach dem, wie viel Zeit der einzelne Lerner benötigt.

Da dieses System nicht auf die 100%ige Kontrolle aufbaut, sondern auf der Freiwilligkeit des Lerners wird es immer Heranwachsende geben, die sich entziehen werden. Es wird auch Zeiten geben, in denen die Lerner sich mit anderen Dingen befassen werden. Anstatt allerdings die Schüler zu kontrollieren, damit jeder Schüler jederzeit überwacht ist und niemals die Aufsichtspflicht auch nur einen Moment verletzt werden kann, sollten wir dazu übergehen, den Schülern Rückzugsräume anzubieten.

Zur Abschlussphase komme ich später.

Mehr als EIN Abschluss erforderlich!?

In Deutschland gibt es drei Abschlüsse: Hauptschulabschluss, Fachabitur und Abitur. Dabei sind die drei Abschlüsse hierarchisch angelegt, je mehr der Schüler oder die Eltern investieren, desto besser wird der Abschluss; final wird das Abitur angestrebt. Diese unterschiedlichen Abschlüsse dienten bis vor einigen Jahren dazu, den Absolventen eine Orientierung zu geben, welcher Berufsbereich für sie möglich ist. Sie gaben den zukünftigen Arbeitgebern einen kleinen Einblick in Fertigkeiten der Jugendlichen. Das Abitur diente dazu, den jungen Menschen auf die universitäre Arbeitsweise zu erproben. Immer mehr wurde jedoch das Abitur von Betrieben und Firmen für eine Ausbildung gewünscht, denn die Ausbildungsberufe sind vielenteils komplexer geworden und setzen voraus, dass der junge Mensch mitdenken kann und selbstständiges Arbeiten gelernt hat. Inhaltlich werden die Jugendlichen mit dem Abitur jedoch nicht auf diese Berufe vorbereitet.

Das Abitur sichert dem jungen Menschen am wahrscheinlichsten einen Ausbildungsplatz, wenn es auch gleichzeitig nicht auf das Berufsleben sondern auf die akademische Laufbahn vorbereitet. Was also ist passiert, dass es neben dem Abitur keinen qualifizierten Abschluss gibt, der über die Fähigkeiten, Stärken und Talente eines Schulabsolventen Auskunft erteilt? Unser Schulsystem verfügt über keine Differenzierung nach Fähigkeiten, Stärken und Talenten, denn letztlich muss jeder Schüler in jedem Bereich sich gut qualifizieren, sonst sind unerwünscht schlechte Noten die Folge. Auch wenn wir gewohnt sind, Kinder, Heranwachsende und Jugendliche nach dem zu bemessen, was sie sie schon können und was sie noch nicht können, ist hier ein Perspektivenwechsel notwendig. Es geht nicht darum, in welche Schublade ich einen Lerner setzen kann, sondern darum, was ich tun kann, damit er sein Lernziel erreicht. Sein Lernziel ist nicht unbedingt das gleiche Ziel, wie es sein Lehrer verfolgt. Im günstigsten Fall allerdings erkennt der erfahrene Lehrer, welches Ziel sein Schützling tatsächlich im Visier hat und unterstützt ihn, ohne ihm den Prozess der Erkenntnis und des Verstehens abzunehmen. Es geht nicht darum, ein Schüler zu defamieren, die naturgegebene Intelligenz zu disqualifizieren, indem Kategorien aufgestellt werden und die Schüler nach Maßstäben, Normierungen, Richtwerten und Sympathien bewertet werden.

Als logische Konsequenz entsteht die Forderung nach einer adäquaten differenzierenden Abschlusskultur. Das setzt aber gleichzeitig voraus, dass nicht mehr allein das Lesen und Leseverständnis, Textproduzieren und Rechnen zu einem Abschluss führen können, sondern dass Fertigkeiten auch in kreativen, in technischen, in kaufmännischen und in digitalen Bereichen honoriert werden. Den jungen Menschen wird ermöglicht, aufgrund ihrer Interessen und Fähigkeiten berufsrelevante Inhalte zu erwerben und so einen Abschluss zu erreichen, der gleichzeitig für die jungen Menschen sowie für Firmen und Betriebe als Orientierung dient.

Unser gewohntes Denken reicht aber bislang kaum über Klassenmodelle, Fächerwahl und normierte Stundenraster hinaus. Diese drei Grundsäulen der klassischen Schule habe ich hinterfragt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nun vorstellen:

Ich gehe davon aus, dass Kinder bis zum Stadium des Erwachsenen drei große Entwicklungsschübe durchleben: ab ungefähr dem 6. oder 7. Lebensjahr setzt der erste große Hormonschub ein und das frühkindliche Stadium wird verlassen. Ein Zeitpunkt, in dem die Kinder dauerhafter lernen, sich länger einer Sache widmen und größere Zusammenhänge begreifen. Wobei das auch vermessen sein kann, dies zu behaupten, denn je nach Interesse haben meine Kinder auch (z. B.) größere Zusammenhänge schon vorher reflektiert. Nehmen wir dies einmal an, so dauert diese Phase der Entwicklung bis ungefähr zu zweiten großen Schub an, der dann auch maßgeblich das weitere Verhalten dominiert. Mit Abschluss der Pubertät beginnt die Phase der eigentlichen Orientierung, oftmals geht sie zurzeit einher mit dem Abitur oder der Ausbildung. Diese einzelnen Entwicklungsphasen verschieben sich je nach Kind mal um das ein oder andere Jahr. Im bisherigen Schulsystem wird das weder berücksichtigt noch als Zeichen für den nächsten Schritt erkannt. Diese Entwicklung jedoch ernstzunehmen und daran angemessen zu beurteilen, dass das Kind für den nächsten Schritt vorbereitet ist, darin sollte ein Teil der Aufgabe des Lehrers bestehen – statt der üblichen Bewertung.

3 Phasen der Entwicklung – 3 Stufen der Schule:

  1. Stufe = Grundstufe: In den meisten Bundesländern und in nahezu allen Ländern Europas ist es üblich, die Schüler erst nach der sechsten Klasse zu trennen. In der Regel passt dies mit dem 2. Entwicklungsschub zusammen. Wir Lehrer wissen, dass es dann noch frühe und späte Pubertierende gibt, aber dennoch setzt der Prozess irgendwann im siebten oder achten Schuljahr ein. In den Anfängen der Schule dauerte die Volksschule auch nur so lange, denn dann hatten die Schüler das Wesentliche für einen Beruf erlernt und wurden entlassen. Auch heute umfassen diese sechs bis sieben Jahre die Grundausbildung in Lesen, Schreiben, Rechnen bis hin zum Textverständnis und Dreisatz.
  2. Phase – Mittelstufe: Mit dem Beginn der Pubertät wird das kindliche zunehmend verdrängt. An Bedeutung gewinnt das andere Geschlecht, das Leben nach der Schule und die unmittelbare Zukunftsperspektive. Es wird den Schülern bewusst, zu welcher sozialen Schicht sie gehören und was von ihnen erwartet wird. An dieser Stelle muss der Heranwachsende anders wahrgenommen werden. Da das Lernen ein Akt des freien Willens ist, muss an dieser Stelle dem Lerner ein Angebot gemacht werden, was zu seiner Entwicklung passt. Balladen zu irgendeinem Unglück von irgendeinem Zug gehören nicht in seine Lebenswelt, wenn er gerade 14 Jahre alt ist; sie würden ihn im Normalfall nicht interessieren. (Zum freiwilligen Lernen und dem Kontrollzwang werde ich an anderer Stelle noch etwas schreiben.) Der Schüler lernt in altersgemischten Kleingruppen (bis zu 15 Schülern) zu selbstgewählten Themen (fachübergreifend) in Modulen mit ein bis zwei Lehrern. Ein Beratungslehrer steht ihm direkt zur Verfügung und führt für den Schüler Buch über dessen Lernfortschritte. Statt Noten gibt es Abschlussarbeiten einzelner Module, die gemeinsam in der Gruppe reflektiert werden und die dem Schüler dazu dienen können, sein Portfolio für die Orientierungsstufe und für die Bewerbung zusammenzustellen. Es gibt Grund und Erweiterungsmodule. Ein Versuch wäre die Abschaffung von Zwangskursen und einräumen von Grundqualifikationen für einzelne Praktikumsstufen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil sind die Praktika, deren vier von je 8 bis 12 Wochen Dauer absolviert werden, damit der Schüler nach der Mittelstufe anhand der Orientierungstestphase, der Beratungsgespräche und anhand seiner Erfahrungen eine Entscheidung treffen kann, welchen Abschluss er anstrebt. Diese Praktika sind aus unterschiedlichen Bereichen zu absolvieren (Soziales, Handwerk, Kaufmann / Technik, Medien); anschließend nimmt der Schüler an einem großen künstlerischen Projekt teil: Darstellung, Gestaltung, Theater. Sprachen sollten nicht mehr vom Buch erlernt werden, bilingual eingebunden in das Geschehen, so dass der Schüler automatisch die Sprache mitlernt – als Wesen, das sich sprachlich ausdrücken will, erwirbt der Mensch schnell eine Sprache (siehe: Bilingualer Ansatz an Schulen).
  3.  Stufe – Orientierungsstufe bzw. Oberstufe: Anhand der Orientierungsphase mit Tests, Gesprächen und Auseinandersetzungen mit Berufen ergibt sich für den Lerner ein Abschlussziel. Dieses Abschlussziel zeigt gleichzeitig die notwendigen Qualifikationen auf, die die Abschlussprüfungen verlangt. Der Lerner erstellt sich (wie bereits in der Mittelstufe) seinen Arbeitspensum selbst, legt seine Kurse fest und bestimmt somit, wie lange er braucht, bis er für die Prüfung reif ist. Die Prüfung wird extern durchgeführt und von extern aus bewertet, damit die Lehrer nicht in die Doppelrolle des Richters und Freundes zugleich kommen. Diese Prüfung muss angemessen an den Abschluss sein und darf nicht bedeuten, dass alle Themen schriftlich im Sinne von Text(re)produktion  abgefragt werden. Eine Mischung aus Multiple Choise, zu beantwortenden Fragen und zu lösenden Aufgaben sollten auf den Abschluss ausgerichtet sein, z. B.: Handwerkabschluss => Werken eines Produktes, Planen eines Produktes, Nutzen eines Produktest erwägen.  Einzelne Module dürften sich je nach Abschluss überschneiden – ähnlich wie das für den universitären Betrieb gilt. Durch eine entsprechende Codierung ließe sich ein Modul immer einem entsprechendem Abschlussbereich zuordnen. Gleichzeitig ist es dem Jugendlichen möglich zu sehen, welche Überscheidungen es gibt. Eine mögliche Umwahl wird damit erleichtert. Auch wird es Methoden geben, die alle nochmals vertiefen oder erweitern müssen, denn das Protokollieren, Konzeptionieren und Planen gehört nicht einem spezifischen Berufsbild an.

Mit dieser Idee werden zudem solche Inhalte schulisch relevant, die zurzeit nur an Berufsschulen gelehrt werden. Damit könnten die Berufsschulen ihre „allgemeinen“ Inhalte zugungsten der berufsspezifischen Inhalte an die Schulen „abtreten“ und müssten nicht mehr z. B. einstündig Deutsch unterrichten. Schule wäre nicht länger ein außerberuflicher Lernort. Die Inhalte müssten den Absichten untergeordnet werden. Bislang ist überhaupt nicht geklärt, weshalb die Kenntnis vom mittelalterlichen Leben oder die Kenntnis von der Kurvendiskussion oder die Kenntnis von der Novellentheorie für das spätere Studium oder Leben relevant sein soll. Im Gegensatz dazu verstehe ich durchaus, weshalb Schüler lernen sollten Feuer zu machen, Ackerbau anzulegen, die Gefahren von Erdbeben zu erkennen, Wasser zu finden, Wintervorräte anzulegen, Saat und Ernte kennenzulernen, Erste Hilfe bei Unfall und Krankheit leisten können, etc. Alles Dinge allerdings, die nicht die Relevanz einer Novellentheorie haben.

Zur Umsetzbarkeit sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass viele innovative Schulen einige Bestandteile dieser sehr komplexen Idee bereits mitbringen, so gibt es in Bayern die sogenannte Wirtschaftsschule, die für jeden Abschluss zugänglich ist. Weiteres zum Thema „Umsetzbarkeit“ wird noch folgen.

Und nun freu ich mich auf eure Kommentare. 🙂

Acht-Punkte Voraussetzung für ein Umdenken

Unser Schulsystem hat einige stabile Denkfehler, die vor allem durch ihr Zusammenspiel dazu führen, dass viele junge Menschen durch das System fallen:

1. Einbahnstrasse Abschluss: Das Abitur ist das anvisierte Ziel, alle vorherigen Abschlüsse liegen auf der Skala hinten. Das Abitur ist der geeignete Abschluss für jemanden, der zur Universität oder Fachhochschule wechseln will. Was ist mit jenen, die sich für kaufmännische, technische, medienspezifische, kreative, handwerkliche Berufszweige interessieren? Wie lauten die Lehrplaninhalte für sie und wie ihre Abschlüsse?

2. Noten ab der 2. Klasse: Für junge Menschen ist die Note ein Urteil über die Person, nicht über die Fähigkeiten. Das Selbstwertgefühl leidet unter ihnen ebenso wie der Lernprozess selbst. Genügt es nicht, wenn die jungen Menschen kurz vor Eintritt ins Berufsleben getestet, beurteilt und bewertet werden?

3. Fächer-, Stunden-, Lehrkörper-Zwang: Selbst jene Fächer, die wählbar sind, sind nur Papierwahlen, weil der Unterrichtsinhalt vorgesetzt wird. Das Leben ist weder in Fächer noch in Stunden unterteilt, sondern nach Themen und zusammenhängend. Und wieso hat die Lehrkraft Angst davor, dass junge Menschen nach Sympathie entscheiden, von wem sie lernen und von wem nicht?

4. Altersgruppierung: Statt eine Mischung unterschiedlicher Altersgruppen zu zulassen, wird nach Alter sortiert und diese Gruppe in einer Klasse zusammengefasst unterrichtet. Voneinander Lernen wird erschwert.

5. Zu große Lerngruppen/ zu große Schulen: Wieso nicht mehr als ein Lehrer in einer Kleingruppe einsetzen? Wieso möglichst viele Schüler in einer Schule zusammenfassen?

6. Zu wenig Praxis/ Praktika: Erfolgreiche Schulen bieten nicht nur ein obligatorisches Praktikum an, sondern lassen mehrere Praktika zu, haben im Kanon feste Projektphasen etabliert und lassen Schüler so oft es geht praktisch lernen. Wie sollen Jugendliche das Interesse an kognitiven Lerninhalten aufwenden, wenn sie nicht wissen, worauf sich dieses Lernen richtet, denn zukünftige Inhalte sind für ihr Leben irrelevant?

7. Schule – ohne Bezug zum Leben: Einige Inhalte berühren die Lebenswelt der Schüler mehr, andere weniger, viele gar nicht. Unaufhaltsam wächst der Berg an angestaubtem Wissen, der mit dem Nürnberger Trichter den Gymnasiasten und mit einem etwas humanerem den anderen Schülern aufoktruiert wird. Lebensweltliche Aspekte (wie finde ich eine Wohnung und worauf achte ich beim Unterschreiben eines Mietvertrages) oder berufliche Aspekte (was ist Rechnungswesen, wie setze ich ein geschäftliches/offizielles Schreiben auf?) werden in der Regel nicht behandelt.

8. Jeder lernt zur gleichen Zeit das Gleiche: Lernen gehört zum Menschsein, selbstbestimmtes Lernen betreiben alle von Anfang an. Wir erkennen es Menschen ab dem 6. Lebensjahr ab, selbst einen Rhythmus und eine passende Zeit zu finden. Wieso glauben wir, das Lernen anderer zu beherrschen als könnten wir das Denken anderer bestimmen? Wieso riskieren wir keine Fehler, wo doch der Lernweg so lang ist?

Diese acht Punkte machen kein neues Schulsystem. Diese Punkte bilden den Ausgangspunkt für ein Denken, in dem auch junge Menschen selbst ihr Lernen definieren, die Inhalte bestimmen und ihre Ziele abstecken.