Vier Lernhäuser

Hier mein Vorschlag, wie Schulen räumlich konzipiert sein sollten, damit das Lernen sinnvoll ist. Bei all den Vorschlägen würde ich die Ideen der Kinder und Jugendlichen, so das möglich ist, berücksichtigen. Dies ist also die gedankliche Weiterentwicklung, was ich zuvor unter dem Titel: „Projekt – Schule – Projektschule“ stichwortartig begonnen habe.

Ich will mit dem Begriff  „Lernhaus“ nicht an bisherige pädagogische Erkennntnisse anknüpfen, die Verwendung stellt lediglich die Vermeidung des Begriffs „Schulgebäude“ dar. Die Vorstellung von Schulgebäuden ist oft begleitet von zellenartigen zu kleinen Räumen entlang an langen Fluren mit hohen nackten Wänden und unpraktischer Raumnutzung.  Ein Lernhaus will vor allem ein Gebäude sein, in dem gelebt und gelernt wird. Deswegen ist der zentrale Ort des Gebäudes auch der lebendige Aufenthaltsraum, in dem gemeinsam gegessen, gelernt und entspannt werden kann.

Kinder und Jugendliche in vier Lernhäuser zu unterteilen, trägt unterschiedlichen Aspekten Rechnung. Zum einen brauchen Kinder je nach Alter ein anderes Lernmilieu, in dem sie sozusagen zuhause sind. Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen vollzieht sich in Etappen. Zum anderen sind die Ansprüche der Kinder in den jeweiligen Phasen unterschiedliche. Ihre Bewußtheit von Zeit und Raum verändert sich und damit auch der Anspruch an das Lernumfeld. Die Altersgrenzen sind dabei fließend zu sehen, denn zwar gibt es einzelne Entwicklungsstadien, durch die nach und nach alle Kinder hindurch gehen, doch sind zum einen unterschiedliche Interessen vorhanden, zum anderen sind die Zeitstadien unterschiedlich. Die Kinder selbst sollten in jedem Lernhaus das Gefühl haben, an der richtigen Stelle zu sein und ihr Lernziel – was auch immer das gerade ist – erreichen zu können.

Das erste Lernhaus

 Mit der Schulreife, die nicht zwangsläufig mit dem sechsten Lebensjahr einhergeht, doch aber das ungefähre Alter umreißt, beginnt schulisch gesehen die erste Etappe. Sie dauert ungefähr drei Jahre an, das Kind lernt Lesen, Schreiben und Rechnen und interessiert sich vor allem für die Natur; manche können schon Lesen, andere wollen vielleicht noch nicht. HIer sollte der Rahmen sowohl für die einen als auch für die anderen gegeben sein. Die Entwicklung jeden Kindes sollte durch einen Betreuer begleitet und beobachtet werden, so dass für jedes Kind das richtige Lernumfeld entstehen kann.

 Das spielerische Lernen steht stark im Vordergrund. Erwachsene sehen häufig eine große Gefahr darin, wenn Kinder zu sehr dem Spiel verfangen sind, doch genau darin besteht der Vorteil: Das Lernen passiert dem Kind nebenher, wenn es spielt. Bisher sind Schulen so angelegt, dass diesem Spieltrieb wenig Raum gegeben wird. Eher wird er massiv eingedämmt, denn Lernen muss nach Elternmeinung ernsthaft sein und nicht spielerisch. Dem Spiel haftet im Sprachumgang etwas an, als sei es dem Lerner nicht zuträglich und würde nur vom reinen Lerninhalt ablenken. Dabei scheinen wir als Pädagogen und Eltern immer zu übersehen, was sich andere Bereiche zu nutzen gemacht haben: Die Lust am Spiel durch den Spaß. Alle Computerspiele zerren davon. Generationen von Spielern füllen die Spielemessen. Und all diese Spiele lassen die Spieler etwas lernen. Der Nutzen bei einigen Fertigkeiten, die die Spieler erwerben, ist oft unklar bzw. ungerichtet. In den meisten Fällen ist das Spielen der Selbstzweck. Spielte man früher mit Puppen, diente es wohl der Vorbereitung auf eigene Kinder, doch unterscheidet sich der Umgang mit den Puppen doch gravierend vom Umgang mit den Babies; so kann man die Spielerfahrung sicher nicht als reale Erfahrung verankern, von dem man herleitet, wie man nun wirklich ein Baby stillt. Neben den Spielen, die wir gern spielen, weil es einfach Spaß macht, gibt es auch die Möglichkeit, Spiele bereitzustellen, die das Lernen zielgerichtet unterstützen, sowohl bezogen auf jene Bereiche, von denen wir Erwachsene denken, dass Kinder die ein oder anderen Inhalte lernen sollten, als auch bezogen auf jene Bereiche, von denen Kinder für sich entdecken können, dass sie diese Inhalte erwerben wollen. Für mein Dafürhalten gibt es immer Dinge, die tatsächlich alle Kinder bis zu einem gewissen Grad zumindest kennen sollten (Zähneputzen, einfache Rechenarten beherrschen, Lesen, Kochen, Einkaufen, Computer benutzen, Putzen, Müllvermeidung, etc.).  Hier taucht die Frage auf, wie das mit dem Zwang zum Lernen ist. Als meine Tochter laufen lernte, wollte ich sie weder im Buggy festschnallen, noch mit einem Gängelband an der Leine führen, beides schien mir Freiheitsberaubung zu sein. Da wir aber in einer schnellen Stadt mit schnellen rücksichtslosen Autofahrern leben, prallen irgendwann kindliche Unerfahrung und elterliche Sorge im Straßenverkehr aufeinander. Trotz der Erklärung, dass die Straße gefährlich sei und sie nur auf das grüne Männchen warten müsse, bis sie gehen dürfe, lief sie irgendwann an einer Ampel bei rot los und ich rieß sie am Kragen noch so gerade zurück. Der Schock hat sie gelehrt, dass sie auf das grüne Männchen immer warten muss. Aber das musste sie lernen. Kein Weichspüler, kein vielleicht später, es musste sein. Zu dieser Welt gehören manche Regeln, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gelernt werden müssen. Ich bin sicher, dass es viel weniger sind, als uns die derzeitigen Regeln in Schulen glauben machen wollen, aber einige sind es dennoch. Da jedoch Kinder alles imitieren (wie Erwachsene übrigens auch), wenn sie denjenigen lieben oder schätzen oder mögen, der ihnen etwas vormacht, bedarf es mehr Mut zum pädagogischen Eros und zum konsequenten Vorleben.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die Schulanfänger inzwischen in sehr kleinen Familieneinheiten in der Großstadt aufwachsen, was dazu führt, dass sie häufig im Haus verbleiben, zu Treffen mit anderen Kindern gefahren werden und ansonsten das spielerische Außen nicht mehr kennen.[1] Dieses Erfahrungsspektrum kann die Schule neu erobern und in den Schulalltag der jüngeren Schüler wieder integrieren.

Beispiel 1: Budenbauen. Aus allen Materialien Buden zu bauen bedeutet nicht nur Spaß; es fordert nebenher Geschicklichkeit und räumliches Vorstellungsvermögen heraus. Unterschiedliche Materialien können eingesetzt werden, so dass die Kinder herausfinden können, wann das Bauen mit Lehm und Stroh erfolgreich ist und wozu Moose, Holz, Stroh und ähnliches mehr verwendet werden können.

Das erste Haus sollte das Erfahrungsfeld „Außen“ und das Erfahrungsfeld „Spiel“ in seiner Beschaffenheit integrieren. Da es drei Mal zwei Klassen gebe, böte sich ein u-förmiges Gebäude mit Ausrichtung auf einen natürlich belassenen Hof mit Bäumen, Büschen und Dickicht an, der im günstigsten Fall in einen Wald bzw. ein Naturschutzgebiet mündet. Das Haus selbst sollte viele Sinne ansprechen, ähnlich den Hundertwasserhäusern Natur integrieren und Ungleichmässigkeiten zulassen, viele Nischen haben. Herz des Hauses ist ein Aufenthaltsort, der sowohl für die Freizeit als auch für das gemeinsame Essen nützlich ist. Es befindet sich eine von älteren Schülern geleitete Bibliothek dort, die als Ruhebereich genutzt werden kann. Der Aufenthaltsbereich hat Kletter- und Rutschmöglichkeiten, damit sich selbst bei schlechtem Wetter ein körperlicher Ausgleich für die Kleinen ermöglichen lässt.

Das zweite Lernhaus

 Das zweite Lernhaus umfasst die Zeit, in der die Kinder mit ihren Freunden intensivere Bindungen eingehen, komplexere Aufgaben erfassen können und das Handwerkszeug „Lesen, Schreiben, Rechnen“ nutzen könnten. Es beginnt mit der vierten Klasse und endet mit der sechsten spätestens, was jedoch von der Entwicklung des Kindes abhängig ist. Eintrittsalter in die dritte Phase ist das Teenageralter und grenzt sich klar vom Kindverhalten ab. In diesem Haus sind also jene Kinder, die nicht mehr ganz so sehr kindlich sind, aber irgendwie zwischen dem einen und dem anderen Entwicklungsstadium stecken. Eine eigene Zeit, die ihren ganz eigenen Raum braucht. Ähnlich wie im ersten Haus gibt es einen zentralen Ort, anders als im ersten Haus steht hier allerdings nicht mehr die Natur selbst im Vordergrund sondern das experimentelle Erfassen der Umwelt. Die Räume bestimmen das Lernangebot in dem Maße, dass einige Inhalte wechseln können, andere fest installiert sind. Untergebracht sind in dem Haus bis zu sechs Lerngruppen, wobei durch die offene Übergangsform von Haus zwei zu drei Mal mehr und mal weniger Kinder vorhanden sind.

Das dritte Lernhaus

Das dritte Lernhaus hat ebenfalls wie alle anderen Häuser auch ein Zentrum für die Teenager. Ab 12/13 Jahren – je nach Entwicklung – starten die Kinder in dem Haus bis sie soweit sind, dass sie in das Abschlussjahr gehen können. Ob die Reife für das Abschlussjahr erreicht wurde, lässt sich durch eine geeignete Prüfung sowie durch das Portfolio ersehen. In diesem Haus stehen vor allem die Persönlichkeitsentwicklung und die Berufsvorbereitung im Vordergrund. Fertigkeiten im Umgang mit dem Computer werden trainiert, Praktika in umliegende Firmen und Betriebe absolviert und Projekte zielgerichtet auf die eigene Fortentwicklung ausgewählt. Dazu steht jedem Lerner ein Beratungslehrer an der Seite; dieser Lernberater begleitet im günstigsten Fall die gesamte Entwicklung ab dem dritten Haus und dokumentiert neben dem Schülerportfolio den Lernfortgang kontinuierlich. Für die Neuzugänge aus Haus zwei oder von Außen werden Patenschaften vermittelt, damit die Jugendlichen sich orientieren können. Es gibt Stammgruppen pro Jahrgang, die als feste Gruppe bestehend aus Gleichaltrigen den Lerner begleiten. Da die Entwicklung von Teamfähigkeit ebenso wichtig ist wie das Lernen für das eigene Ziel, ist die Stammgruppe sozusagen eine Beobachterinstanz auf Augenhöhe der Lerner selbst. Erfahrungen können vertiefend miteinander verglichen werden. Durch diese Zeugenschaft ergibt sich im günstigsten Fall eine positive Teamgemeinschaft, die ohne Konkurrenzdruck auskommt.[2]

Aufgrund der Vielfalt an Projekten muss das Haus sehr variabel sein, entsprechend bleibt der Raum hier eher Projektionsfläche. Umso wichtiger ist auch hier das Zentrum, das als Aufenthaltsbereich genutzt werden soll.

Das vierte Lernhaus

Das vierte Lernhaus ist neben dem Haus für den Abschlussjahrgang (zumindest solange nicht eine Abschlussdifferenzierung für mehrere Jahre vorgenommen wird) das zentrale Haus, in dem sie sich aufhalten, zusammen das Theaterprojekt erarbeiten und sich auf die Abschlussprüfungen vorbereiten. Eine Aula wird ebenfalls in diesem Haus untergebracht, damit dort die erste Aufführung der Abschlussinszenierung wie auch die Ehrung der Absolventen statt finden kann. In diesem letzten Haus werden keine Projekte mehr starten, denn hier wird alles zu einem Ende gebracht. Überarbeiten des Portfolios, Beratungsgespräche für Bewerbungen, Beratungsgespräche für die zukünftige Laufbahn als Lerner, Teilnahme an dem Abschlusstheaterprojekt, Auslandaustausch, Prüfungen. Dieses Haus verfügt über viele Arbeitsnischen, eine vorbereitete Bibliothek und über ausreichend Internetzugänge für den Abschluss.

Der Verwaltungstrakt

 Neben den Lernhäusern für die Lerner und Lehrer kommt die Schule ohne Verwaltungsgebäude nicht aus. Dieses wird mit Hilfe eines Durchgangsflurs mit dem vierten Lernhaus verbunden.

Jedem Verwaltungsmitglied steht ein Büro zur Verfügung, weiter gibt es einen umbaufähigen Konferenzraum. Das Schulleiterteam setzt sich im günstigsten Fall aus folgenden Institutionen zusammen: Eine pädagogisch-didaktischen Leitung, einer Leitung für alle PR-Angelegenheiten, einer geschäftlichen Leitung, einer Organisatorischen Leitung (evtl. zwei Personen) und einer psychologischen Kraft für die Lehrkräfte und alle anderen Angestellten.

  • Pädagogisch-didaktische Leitung: Zu den Aufgaben zählt es, die staatlichen Vorgaben im schulischen Konzept zu integrieren. Projekte zusammen mit den Lernhausleitern konzeptionieren und evaluieren (in Zusammenarbeit mit der PR-Leitung).
  • Geschäftliche Leitung: Da diese Schule die Kosten für die Elternschaft gering halten will, müssen Geldgeber, Spender, Fondtöpfe akquiriert werden. Gleichzeitig läuft hier die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zusammen. Praktika, Auslandfahrten, Wettbewerbe, Forschungsgelder, etc. gehört in diesen Bereich, aber auch Anstellung von nicht-staatlichen Angestellten.
  • PR-Leitung: Evaluation, Nachhaltigkeit des Systems, öffentliche Diskussionen, Kontrollberichte, öffentliche Auftritte, Informationsveranstaltungen.
  • Organisation: Projektplanung, Stammgruppen, Jahresplanung, Zeitkontingent für Arbeitskräfte, Konferenzen, Schüleraufnahme, etc.
  • Psychologische Kraft: Supervision, Teamgesprächsführung, Fortbildungsmaßnahmen, etc.

Wenn der Leitungsapparat erkennt, dass in einem Bereich wenig zu tun ist, kann die Arbeit aus einem anderen Bereich übertragen werden – falls vom Know-how denkbar. Wenn der Leitungsapparat erkennt, dass der Arbeitsbereich eine Ergänzungskraft braucht, sollte diese an die Seite gestellt werden. Ältere Lerner können ihrerseits Praktika in Verwaltungsbereichen machen und Aufgaben überantwortet bekommen, die ihre Handlungsbereiche betreffen.


[1] Dass es sich so verhält, dafür gibt es zahlreiche Gründe, auch weshalb Eltern das zulassen. Tatsächlich fehlt den Kindern inzwischen die Erfahrungswelt „Draußen“, damit gehen wertvolle Kenntnisse aber verloren.

[2] Im herkömmlichen Schulsystem wird durch die Noten, die der Lehrer gibt, Konkurrenzdenken gefördert. Da der Lehrer zum einen derjenige ist, der die Bewertung einer Leistung festlegt und zum anderen, die Bewertung vornimmt, ergibt sich daraus ein erhöhter Konkurrenzkampf um die Rangfolge. Wenn das entfällt, bliebe die Hoffnung, dass damit Teamfähigkeit im positiven Sinne in der Gruppe als Potential freigesetzt wird.

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4 Antworten

  1. Kommentar Scarlett:

    Hallo Scarlett,

    anschließend an die kurze Diskussion bei Twitter möchte ich folgenden Punkt gerne aufgreifen (und damit hoffentlich nicht @lisarosa zu viel vorwegnehmen).

    Du schreibst: „Die Natur des Spiels zu nutzen für das, was wir Pädagogen und Eltern wollen, verdient einen großen Raum.“

    Ganz nebenbei formulierst Du hier ein Grundproblem der Pädagogik, nämlich die Frage nach der Balance zwischen Freiheit und Zwang. Was muss, was darf freillig gelernt werden – und wenn nicht, wie sorge ich als Gesellschaft dafür, dass es doch gelernt wird. 
    In der Soziologie versucht man diese Paradoxie über die ‚taktvolle Kommunikation‘ zu lösen (http://www.bluemac.de/blog/2010/09/19/uber-die-freiheit-im-interaktionssystem-unterricht/). Darauf möchte ich jetzt aber nicht genauer eingehen.

    Die Frage ist, ob man, wenn man heute Schule neu denken mchte, in diesen Kategorien ‚Lehrer‘ und ‚Schüler‘ denken muss – gerade dann, wenn man ein Gebäude fabuliert, in dem Lernen besonders gut realisiert werden kann. Sollten wir uns nicht zwingen, die beiden Begriffe zu vermeiden, gerade weil es uns so schwer fällt, nicht in ihnen zu denken?

    Warum muss das Spiel der Kinder instrumentalisiert werden für die Wünsche und Ziele der Eltern/Pädagogen? 

    Meinst Du, dass ohne diese ‚Ziele‘ und inhaltlichen Vorgaben, Schule nicht umsetzbar wäre? Muss (Kann) wirklich ein Lehrer dafür sorgen, dass ein Lernprozess stattfindet? 

    Ich spreche nicht ab, dass Lern- und Erlebnisräume vorbereitet werden können und sollten. Aber dies muss nicht unbedingt in der bisherigen Art geschehen, in denen es Lehrer machen: inhaltlich, zeitlich und räumlich determiniert.

    Das Beispiel von palomar5 zeigt, welche Bedeutung ein ‚facilitator‘ haben kann, um die Kareativität und Lernbereitschaft von Menschen zu fördern. Hier wurde die Lehrerrolle meiner Einschätzung nach innovativ interpretiert.

    Kann man nicht von dieser Perspektive gesehen die Lernhäuser weniger zielgerichtet und dafür mit noch mehr Kontrollverlust konzipieren?

    Anschließend noch die Frage: 
    Welche Rolle spielt Deiner Meinung nach ein Bildungskanon und brauchen wir diesen in Zukunft noch?

    Gruß,

    Felix

  2. Hi Scarlett, ich wollte Dir nicht zu nahe treten mit meinen twitter-einwänden. grundsätzlich finde ich alle schulreformerischen ansätze erst mal begrüßenswert, die nach den bedürfnissen der kinder fragen. und gut finde ich natürlich auch, wenn die kinder in wichtigen entscheidungen, die sie betreffen, einbezogen werden, und dabei möglichst nicht nur angehört werden, sondern tatsächlich auch mitentscheiden können.

    Felix hat ja schon etwas geschrieben zu dem problem der bevormundung. ich bin grundsätzlich äußerst vorsichtig geworden mit der vorstellung, ich wüsste, was „die kinder“ brauchen, mit denen ich umgehe (sowohl die eigenen als auch die vielen 1000e schüler, dich mir ausgeliefert waren). Und noch vorsichtiger bin ich damit geworden, zu wissen, was „kinder schlechthin“ – also nicht bestimmte, sondern alle! – im einzelnen bräuchten. das einzige, worin ich mir aus den erfahrungen mit kindern und jugendlichen der letzten 25 jahre ganz sicher geworden bin, was sie brauchen, ist: zuwendung, interesse und respekt sowie die möglichkeit zur beteiligung an ihren eigenen angelegenheiten. soviel wie irgend möglich – d.h. soviel, wie wir erwachsenen eben gerade aushalten, ohne vor angst zu vergehen, dass wir „die kontrolle über ihre lebensangelegenheiten verlieren“. unter letzterem stellen wir uns ja immer vor, dass wir sie haben müssten, damit wir der verantwortung gerecht werden, die wir als erwachsene, lehrer und erzieher für kinder haben.

    ein zweiter punkt, warum ich sehr skeptisch gegenüber vorstellungen, was „kinder“ brauchen, bin, liegt darin, dass ich Kinder nicht nur individuell besonders sehe, und sie darum nicht alle bestimmten „entwicklungsphasen zu bestimmten Altersjahren“ eintüten kann. es gibt kinder, die bringen sich mit 4 jahren selbst lesen bei oder verlangen, dass man ihnen dabei hilft, es zu lernen. ebenso gibt es welche, die – obwohl man es ihnen anbietet – erst mit 8 oder 9 jahren lesen und schreiben lernen wollen, es dann aber blitzfix auch tun. Und warum sollten sich alle kinder zwischen 6 und 9 jahren für tiere interessieren? mag sein, dass es viele tun, mag auch sein, dass viele sich von der schule, die dies für diese jahrgänge als sachunterricht anbietet, sich gerne davon inspirieren lassen. aber es gibt sicher auch kinder, die sich lieber mit etwas ganz anderem in der zeit beschäftigen würden, wenn man sie denn ließe.

    und die eigentlich wichtige frage ist:
    ist das, was „kindheit“ ist, und was also „kindmenschen“ brauchen, geschichtlich immer dasselbe gewesen und bleibt auch immer dasselbe im laufe der menschheitsentwicklung?
    ich meine, nein. das, was wir uns heute unter „Kind“ vorstellen, ist eine kulturhistorische „Erfindung“ des bürgerlichen zeitalters (buchgesellschaft, aufklärung, industrialisierung etc.) wie selbstverständlich nehmen wir an, dass kinder spielen, später lernen, und erst als erwachsene arbeiten sollten. diese einteilung gibt es aber überhaupt erst seit der aufklärung. ich will damit nicht sagen, dass sie wieder abgeschafft werden soll. aber man sieht daran, dass sie historisch kulturell von den menschen gemacht ist, nicht biologisch vorgegeben. folglich, wenn das, was „kindsein“ heißt, historisch kurlturell, also gesellschaftlich gemacht ist, dann verändert es sich auch. und da sich im moment eine umwälzung der gesamten menschheitskultur vollzieht, wird sich auch das, was kindsein heißt, und was im einzelnen die bedürfnisse von kind-menschen über die allgemeinen allen menschlichen eigenen (= anthropologisch konstanten) bedürfnissen hinaus ausmacht, wandeln. und wenn man genau hinschaut, kann man es auch längst sehen:
    kinder und jugendliche, die mit dem netz aufgewachsen sind, haben andere bedürfnisse als die kinder, auf die unser curriculum (nach angeblich ehernen entwicklungsgesetzen des „kindes“ ) zugeschnitten ist. unter anderem deswegen sind ja viele von ihnen auch schon lange so gelangweilt, unglücklich und unengagiert in der schule. ich denke, wir sollten wieder besser gucken, was die jetzigen kinder ANDERES brauchen als die vor 50 Jahren, als ich kind war. und wir sollten sie auf jeden fall gut beobachten und öfter fragen. und nicht bei allem, was sie anders machen, als wir in unserer kindheit, annehmen, da liefe etwas falsch für ihre entwicklung. vielleicht ist ja genau das gegenteil der fall.

    Ich finde es sehr gut, dass du das spielen als wichtige lernform ansiehst. dann aber sagst du:
    „Die Frage ist nur, nutzt es dem Spieler, was er lernt? Nutzt es den Kindern und Jugendlichen, wenn sie einen extrem flinken Daumen haben? Nutzt es etwas, wenn sie die schnellsten Wege durch das Labyrinth finden? Nutzt es etwas, wenn sie durch geschicktes Verschieben von Kisten den Ausgang finden? Nutzt es etwas, wenn sie für die Pandafamilie ein Haus einrichten und unterschiedlich schmücken? Nutzt es etwas, wenn sie auf bewegliche Ziele feuern?“
    es scheint so, als würdest du keinen „Nutzen“ darin sehen, und alle die begeistert sind von diesen tätigkeiten, davon abbringen und zu „wertvollerem“ lernhandeln führen? müsste man da nicht mit dem selben recht skeptisch fragen: hat es mir was „genutzt“, dass ich als kind puppenkleider aus stoffresten geschnitten, geklebt, genäht habe, nudeln und brot aus knet geformt, meinen puppenkindern zum essen serviert und ihnen aus pixi-büchern vorgelesen habe? warum soll das „nützlicher“ gewesen sein?
    woher kannst du so genau wissen, was den heutigen kindern „nutzt“ und was sie brauchen für ihr erwachsenenleben in 20 jahren?

    • Hallo Lisarosa,
      „zuwendung, interesse und respekt sowie die möglichkeit zur beteiligung an ihren eigenen angelegenheiten.“
      Dito. Ich setz hier einfach an. 🙂
      Der Text ist eine Weiterentwicklung des Gedanken, den ich vorher schon angefangen hatte. Und ich versuchte damit, den Raum zu beschreiben. Mehr erstmal nicht. Ich habe das schlecht gemacht, denn es sind viel zu viele Phrasen im Text und er ist insgesamt missverständlich. Ich werde das besser machen (wenn ich wieder gesund bin!) 🙂
      Ja, Kinder haben unterschiedliche Rhythmen und ihre Interessen und Rhythmen werden selten berücksichtigt. Stimmt. Diese Projektschule – so hab ich das genannt – sollte das aufgreifen, indem sie parallel wählbare Angebote macht, für die sich die Kinder interessieren dürfen. Eher als bereitgestellte Lernlandschaft. Ich gehe von meinen Kindern aus, gemeinsam ist das Interesse für die Natur. Natürlich ist es für den einen Jungen mehr das Bauen, während der andere sich für die Frösche im Teich interessiert. Ich sehe die Entwicklungsphasen auch nicht so determiniert terminlich, wie das das Lehrbuch vorschreibt. Dennoch gibt es Phasen.
      Deine Frage: „und die eigentlich wichtige frage ist:
      ist das, was „kindheit“ ist, und was also „kindmenschen“ brauchen, geschichtlich immer dasselbe gewesen und bleibt auch immer dasselbe im laufe der menschheitsentwicklung?“ Deine Ansicht kann ich genau bestätigen. Ich entdecke in der heutigen Kindheit das Dilemma der Überbehütung und Überkontrolle. Es gibt keinen Raum, in dem sie einfach nur sie selbst sein dürfen und sich ausprobieren können, ohne dass sie sofort zurechtgewissen und beschnitten werden. Das muss die Schule ihnen zurückgeben. In einem Rahmen, der sie dennoch vor gefährlicheren Dinge bewahrt.
      Bei den Fragen zum Nutzen von Lerninhalten ging es weniger darum, das Spiel zu kritisieren als viel mehr um die Frage, welchen Nutzen der Lerninhalt tatsächlich hat. Ich finde auch Spiele gerechtfertigt, die man allein zum Lustgewinn spielt. Darum ging es nicht, da bin ich weniger moralisch, als man als Mutter von drei Kindern vielleicht sein müsste. Es geht aber darum, dass natürlich auch ein Lernhintergrund die Ausbildung eines schnellen Daumens mit sich bringen kann. Ich für meinen Teil kann unterscheiden, dass ich Tango erlerne, weil mir das einfach nur Spaß macht oder dass ich Regieführen lerne, weil ich das im Theater gebrauchen kann. Mir macht beides Spaß, doch der Nutzen ist bei dem einen ein anderer als bei dem anderen. Also keine Wertung in positiv oder negative sondern im Sinne von Weiterverarbeitung oder nicht, oder Freizeit und Beruf. Und in diesem Zusammenhang sprach ich vom Nutzen für den Lerner. Was ich aber denke, was in zwanzig Jahren meinen Kindern nutzt? Keine Ahnung. Ich kann nicht hellsehen. Ich kann nur vermuten, dass es auch dann noch hilfreich ist, wenn man seine Sachen flicken kann, wenn man sein Essen selbst zubereiten kann, wenn man zwischen nahrstoffarmen und nahrstoffreichen Lebensmitteln unterscheiden kann, wenn man weiß, wo man sich Informationen besorgen kann … Und das würde ich sowohl meinen Schülern als auch meinen Kindern vermitteln wollen, so sie dazu bereit sind. Zwingen kann ich sie selbst in diesem Zwangssystem nicht.
      Liebe Grüße
      Scarlett
      P.S. Danke für deine fruchtbare Diskussion. Sonst hätte ich mir meinen Text nicht noch mal angesehen. Werde das überarbeiten, später. 🙂

  3. Hallo Felix

    Zu schnell hab ich das wohl geschrieben, scheinbar regt der Text noch zu Missverständnissen an. Wichtig ist jedoch, es ist die Weiterverarbeitung der Thesen aus dem Beitrag „Projekt – Schule – Projektschule“ und der Textschwerpunkt liegt auf dem Raum nicht auf dem pädagogischen Inhalt. Doch will ich mal vorne anfangen.
    Ich verwende aufgeladene Begriffe wie „Schule“, „Lehrer“, „Schüler“ ohne sie für meinen Inhalt zu definieren. Darüber habe ich bereits auch schon nachgedacht, habe aber über eine Neudefinition abgesehen, weil mir erstmals die Darlegung meiner Idee wichtig ist. Du hast aber recht, letztlich muss man die Definition klären, bevor man seine Theorie darstellt (in einer Buchveröffentlichung würde ich das zuerst tun). Du willst die Vermeidung der Begriffe und auch ich arbeite daran schon (Lerner statt Schüler, Lernhaus statt Schulgebäude), aber so ganz lässt sich das nicht vermeiden. Für mich umfasst der Lehrerbegriff vor allem der Lernbegleiter (hab ich das nicht auch so erwähnt?!), was aber nicht nur ein Lehrer sein kann. Ich bin für meine Kinder ein Lernbegleiter.
    Und damit kommen wir zum Zwang und zur Freiwilligkeit: Ich kann gar niemanden zwingen, Gedanken nachzudenken, Inhalte zu überdenken, Meinungen anzunehmen oder ähnliches, denn das muss, kann, darf der andere mit seinem Kopf tun. Lernen ist also immer ein freiwilliger Akt (es sei denn, ich breche mittels Gewalt den Willen des anderen). Was aber in unseren Schule passiert, führt zu einer oft physischen Folter, denn die Kinder werden im Raum gehalten und mit Inhalten konfrontiert, die sie sich nicht wünschen und die sie in Kaninchenstarre aushalten müssen. Es sei denn, sie finden dabei einen Happen, den sie auch freiwillig lernen wollen und entwickeln so Mechanismen, mit dem äußeren Zwang zu kooperieren. Ich würde davon auch absehen wollen. Wenn ich aber „Schule“ als etwas denke, wo gelernt werden kann, darf und soll, dann passiert das immer ein Stück gegen den totalen Freiraum. Anders gesagt, ich gehe Vereinbarungen ein.

    Beispiel: Zurzeit mach ich eine theaterpäd. Zusatzausbildung. Die Ausbildung verläuft in Modulen. Einige davon sind verpflichtend, andere freiwillig. Zur Anerkennung gibt es einen Mindestumfang an Stunden und der Abschluss ist durch eine schriftliche Ausarbeitung gewährleistet. Als Teilnehmer habe ich das Gefühl, die ganze Zeit die Inhalte selbst bestimmen zu können, die Zeitpunkte, die Ausbilder, die inhaltlichen Schwerpunkte. Ich empfinde das als große Freiheit in einem gesetzten Rahmen.

    Das ist auch Schule und das könnte sie auch sein; Freiraum zu wählen, Schwerpunkte bilden, Lehrer oder Lernbegleiter auswählen. Und ich würde auch so weit gehen, dass sich Lerner auch ganz aus dem Lernkontext herausziehen können dürfen sollten, solange es die Möglichkeit gibt, sie dennoch zu betreuen, denn in der Schule geht es doch oft vor allem um die Aufsichtspflicht.

    Du fragst „Warum muss das Spiel der Kinder instrumentalisiert werden für die Wünsche und Ziele der Eltern/Pädagogen?“
    Ich würde das anders herum sehen: In erster Linie gibt es doch den Anspruch, dass die Kinder einige Dinge lernen, als Fertigkeiten erwerben, die ihnen im täglichen Leben nutzen. Ich will, dass meine Kinder zum Beispiel Zähneputzen, damit sie sich ihre Zähne möglichst lange erhalten. Ich kann auch warten, bis sie erwachsen sind, dann sind die Zähne aber vermutlich schon vollständig kaputt. Also setze ich hier elterlichen Wille (weil vernünftig) gegen kindliche Unwissenheit. Selbst wenn ich es dem Kind aber erkläre, heißt das nicht, dass es die Erfahrung hat, den großen Zusammenhang zu verstehen. Hier erfolgt Zwang. Es gibt diese vernünftigen Lerninhalte, deren Sinn Kinder nicht ermessen können. Für diese vernünftigen Inhalte kann das Spiel die Möglichkeit sein, dass das Lernen für die Kinder angenehm und sogar selbst zum Ziel wird. In unseren Schulen werden aber lange nicht vernünftige Lerninhalte gelehrt, weder spielerisch noch überhaupt. Viele inhaltlichen Dinge sind sogar für Erwachsene unsinnig, davon ließe sich das Curriculum befreien. Ich würde aber auch sagen, dass man da jedoch genau hinsehen muss, was wirklich brauchbares Wissen, brauchbare Fähigkeiten und brauchbare Erkenntnisse sind. Das Spiel an sich muss nicht instrumentalisiert werden, würde ich auch nicht, denn ich bin selber Spieler. Nichts hasse ich mehr als pseudotolle weil pädagogisch wertvolle Spiele, nein, es muss echt sein. Also mir geht es hier nicht um eine Wissenschaft, mir geht es um das Erarbeiten einer Idee von Schule, die mehr kann als nur kritisieren.

    Du fragst: „Meinst Du, dass ohne diese ‚Ziele‘ und inhaltlichen Vorgaben, Schule nicht umsetzbar wäre? Muss (Kann) wirklich ein Lehrer dafür sorgen, dass ein Lernprozess stattfindet?“

    Ja, das ist eine gute Frage. Erstens ist der Lerner selbst jener, der lernt und den Lernprozess bestimmt. Wenn überhaupt kann ich Impulse geben. Zweitens halte ich all meine Weisheiten nur für Wissen und behaupte, dass nur jener Meister ein guter ist, der dem Lerner seine Erkenntnisse entdecken lässt. Oft fehlt mir Geduld, deswegen bin ich kein guter Meister. 🙂 Ja, ich glaube auch, dass ich keine Ziele vorgeben muss, keine Inhalte, aber ich muss dennoch eine Lernatmosphäre anbieten. Eine, die für sich selbst spricht. Wie zum Beispiel das Freilichtmuseum Hagen, da kann ich selbst bestimmen, wie weit ich lernen will oder ob ich nur die Landschaft und die Entspannung genieße. So müsste Schule auch sein.

    Du sagst: „Ich spreche nicht ab, dass Lern- und Erlebnisräume vorbereitet werden können und sollten. Aber dies muss nicht unbedingt in der bisherigen Art geschehen, in denen es Lehrer machen: inhaltlich, zeitlich und räumlich determiniert.“

    Ja und Nein. 1. kannst du Kinder nicht sich selbst überlassen; 2. kannst du nicht alle Kinder dauerhaft in der Obhut ihrer Eltern lasse (weil viel oft, einige häufig, manche immer überfordert sind), 3. brauchen die Kinder einen Ort der Betreuung und einen Ort der Begegnung (was genau die Schule ja erfüllt) und 4. hast du mit dem Projektmodell oder mit dem Baukastenprinzip schon eher die Möglichkeit, das Kind oder den Jugendlichen wählen zu lassen, eigene Entscheidungen zu finden.

    Beispiel 2: Der offene Ganztag funktioniert an manchen Schulen genau so. Es gibt AG- Angebote, einige sollten sich die Kinder angesehen haben, sie müssen sich für keine AG entscheiden. Es gibt ein Spielangebot und eine betreute Aufsicht. Die Aufsichtspersonen kennen sich in Erster Hilfe aus, versorgen die Kinder mit Snacks und Getränken und erziehen die Kinder aber nicht.

    Du fragst: „Kann man nicht von dieser Perspektive gesehen die Lernhäuser weniger zielgerichtet und dafür mit noch mehr Kontrollverlust konzipieren?“

    Palaoma5 sagt mir nichts. Mit noch mehr Kontrollverlust? Was meinst du? Mehr als oben das Beispiel schon sagt? Ich würde die Kinder mit Angeboten versehen und abwarten, ob sie kommen, wenn sie dürfen. Ich habe keine Ahnung, ob sie sich dafür interessieren würden, aber ich glaube, dass nach einer Zeit die Langeweile und die Neugier groß genug wäre, sich auf dieses neue Lernangebot einzulassen. Die Frage ist, wie sich das als Erwachsener aushalten ließe.

    Du fragst: „Welche Rolle spielt Deiner Meinung nach ein Bildungskanon und brauchen wir diesen in Zukunft noch?“

    Das fragst du mich im Ernst?! (grins) Ich brauch den Bildungskanon nicht, für mich ist der nicht erfunden worden. Ich glaube auch, dass jene, die darauf beharren, Kontrollfreaks sind, die sich Anerkennung wünschen für das, was sie schon alles gemacht haben im Leben. Das brauch ich nicht, hab drei Kinder allein und ohne Bildung bekommen (zumindest war die Bildung eher hinderlich!). Nein, ich versteh dir Frage, hab sie jetzt mal eher privat beantwortet.
    Aus meiner pädagogischen Sicht wäre die Antwort so: Es gibt so vieles, was man Wissen kann, dass man nur einen Ausschnitt als Kanon erheben kann. Doch mit welchem Recht nenne ich Goethes „Faust“ Kanon und Hoegs „Plan von der Abschaffung des Dunkels“ (und das ist ein pädagogisches Muss, falls du es nicht kennst – vor allem wegen Schule, Zwang und Co) nicht? Einen Kanon zu bilden, bedeutet doch nichts anderes, als zu sagen, es gibt Bildungsbereiche, die anderen vorzuziehen sind. Und da haben wir sie wieder, die Teufelchen namens Fächer. Die Diskussionen der Fachlehrer, weshalb auch Kunst ein wichtiges und bedeutendes Fach ist. Was bitte ist an Mathematik so toll, dass es ein Hauptfach sein muss für jene, die dem nichts abgewinnen können? Das heißt, Bildungskanon führt nur zu unnützen Curricula. Ich denke, dass schon Sokrates recht hatte, als er sagte, er wisse nichts. Und so ist das mit Wissen, es reicht nie aus; zu echter Weißheit führt es nicht. Nach meinem Dafürhalten brauchen wir keinen Bildungskanon, aber es wird immer welche geben, die nicht darauf verzichten können, denn es ist messbar. Ich kann Titel von Büchern benennen, die man kennen muss und wenn man die kennt, dann kann man schlau tun. Etwas Messbares ist Sicherheit und wie du weißt, brauchen das Kontrollfreaks. Ich gebe zu, so ganz ohne Wissen, wo der Grund, wo das Ufer und wo der Himmel ist, mag ich auch nicht im Wasser schwimmen, aber ich denke, man kann sich ans Schwimmen gewöhnen.

    In diesem Sinne: Der Schwerpunkt lag auf dem Raum.

    Liebe Grüße
    Scarlett

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