Lehrer – König des Zeitmanagments?

In kaum einen Beruf brennt man so schnell aus wie im Lehrberuf. Das tun Lehrer nicht, weil sie verbeamtet werden – wie gemeinhin angenommen wird –, sondern, weil der Arbeitsplatz an so vielen Stellen kleine Zeitfresser hat, denen er sich ständig ausliefern muss, damit der gesamte Schulbetrieb aufrechterhalten bleiben kann.

Der Illusion „Lehrer stehen nur im Unterricht und müssen nur kurz vorher mal überlegen, was sie dann so machen“ erliegen sehr viele Eltern, das Unterrichten macht aber knapp 10 bis 15 % des Berufsbildes – wie man so schön sagen kann; vielleicht kommt man auch auf 20 bis 25 %.

Was tun denn die Lehrer alles so? Sie sitzen in Konferenzen.

Auch. An meiner Schule komme ich im Monat auf ca. sechs Zeitstunden allein für die Konferenzen. Damit will ich nicht sagen, dass ich sie abschaffen möchte – wobei sich über die Form streiten ließe –, aber die Anerkennung als Arbeitszeit wäre eine sinnvolle Ergänzung zum bisherigen Umgang mit diesr Zeit. Aber da gibt es noch einiges mehr, denn die Konferenzen stellen nicht das Gros meiner Arbeitszeit.

Was ich alles tue:

Ich beschaffe mir Räume, wenn der Raum nach Plan nicht groß genug für die Lerngruppe ist. Ich kaufe Material für die Schule (Plakate, Folienstifte, buntes Papier, dicke Stifte). Ich recherchiere Hintergrundinformationen für Projekte, plane und konzipiere Unterrichtsreihen, –einheiten und –stunden, bereite Unterrichtsmaterial für Lernstationen oder für Kooperative Lernphasen vor. Ich telefoniere Eltern hinterher, weil ihre Kinder nicht zum Unterricht erschienen sind. Ich habe Beratungsgespräche mit Eltern und Schülern, habe Besprechungstermine mit Lehrern, um Unterrichtsinhalte abzustimmen. Ich kümmere mich um Verletzungen, Erkrankungen und um die Versorgung der Schüler. Ich befasse mich mit Streitigkeiten, Diebstahl von Schülereigentum, verlorenen Unterrichtsmaterialien. Ich kümmere mich um eine Raumbelegung für eine Theateraufführung. Ich erstelle Plakate zur Bewerbung von Veranstaltungen. Ich hänge Listen für Kollegen aus, wann ich eventuell einen ihrer Schüler für eine Extrastunde, Zusatzproben oder zur Besprechung brauche. Ich betreue Kinder im Offenen Angebot, in Pausen und während Nacharbeitsstunden. Ich korrigiere Klausuren, Klassenarbeiten, Hefter, Hausaufgaben, Lesetagebücher, Plakate. Ich trage Noten in mehrere Listen ein. Ich überprüfe, ob fehlende Schüler entschuldigt oder unentschuldigt fehlen. Ich protokolliere im Klassenbuch und in Kursbüchern, wann ich was gemacht habe. Ich fülle Anträge für Unterrichtsgänge, für gehaltene Vertretungsstunden, für Sonderurlaubswünsche, für Projekte und für Bezuschussungen aus. Ich erkundige mich nach den persönlichen Problemen von Schülern. Ich sitze in Vertretungsstunden und beaufsichtige fremde Klassen. Ich schule mich im Umgang mit den Möglichkeiten der PC-Nutzung an unserer Schule. Ich sortiere Akteneintragungen meiner von mir betreuten Klasse in die Schülerakten ein. Ich evaluiere mein Verhalten, mein Unterrichten, meinen Methodeneinsatz. Ich bilde mich im Umgang mit neuen Medien fort. Ich nehme teil an Konferenzen.

Manche Dinge tu ich natürlich nicht ständig, aber es führt dennoch zum Zeitkollaps.

Eine Schule, die mit ihren Ressourcen sinnvoll umgeht, berücksichtigt diese Zeitfresser.

Wie soll das gehen?

Für einige Dinge muss nicht der Lehrer selbst zuständig sein, denn entweder sind das Schulbelange (Schulleitung und Schulverwaltung) oder es sind Schülerangelegenheiten. Vieles ließe sich durch eine neue Definition des Schulbetriebes in andere Bereiche und auf andere Arbeitskräfte verlagern, wenn man entsprechend Sozialpädagogen, Verwaltungsfachangestellte und Betreuungspersonal ins Schulwesen integriert. Manche Dinge werden durch das Schulsystem bedingt zum Zeitfresser. Ein wichtiger Schwerpunkt im Schulbetrieb ist die lückenlose 100%ige Beaufsichtigung von Jugendlichen und Kindern. Wenn man statt einer flächendeckenden Kontrolle an bestimmten Stellen den Schülern so viel Raum geben könnte, dass sie Freiwilligkeiten entdecken könnten, hätten Lehrer gleichzeitig die Möglichkeit, zwischendurch Pausen zu setzen.

Gebe man den Schülern kleinere für ihr Alter angemessene Aufenthaltsräume, die sogar atmosphärisch zu dieser Altersgruppe passen, weil sie sich selbst diese eingerichtet haben (eventuell nach eigenen Plänen auch gebaut haben), dann werden sie vermutlich entsprechend sorgsamer damit umgehen wollen. Die Betreuung ließe sich durch Erzieher, Sozialpädagogen und Hilfskräfte organisieren.

Wieso aber ist das nicht denkbar?

Momentan ist das zu teuer, denn Lehrer werden nicht nach den Realstunden, die sie in Schulen investieren, bezahlt, sondern nur nach Unterrichtsstunden. Es fehlt an der Anerkennung dessen, was Lehrer tatsächlich leisten. Wenn das erfolgen würde, dann müsste man als zweiten Schritt zugeben, dass Lehrer sich eigentlich auf das konzentrieren sollten, wofür sie eingestellt werden, dass sie als Pausenaufsicht zu teuer sind und für Verwaltungsaufgaben gar nicht ausgebildet sind. Dabei geht es nicht darum, dass sie mehr verdienen müssen. Wenn die obengenannten Aspekte des Berufsbildes mit angerechneter Arbeitszeit angemessen bestätigt werden, dann erst kann eine Teilzeitkraft wissen, wann sie nur einen Halbtagsjob hat und wann sie über 30 Arbeitsstunden kommt.

Das wird aber nicht freiwillig passieren, denn schließlich sind wir Lehrer so billig für alle Dienste und alle Aufgabenbereiche einsetzbar, bis wir eben aufgrund dieser sehr stressigen Arbeitsplatzbedingungen zusammenbrechen. Dann sind wir beruflich kaum noch tragbar und werden teuer.

Die Frage ist, wann wir aus diesem Irrsinn aussteigen und nicht mehr die Quantität für Qualität halten. Oder anders gesagt: Wann lernen wir, dass wir unsere Ressourcen besser verteilen und einteilen müssen, damit sich insgesamt die Qualität steigern lässt? Schon gerade in einem Land, in dem wir doch noch immer vom Wohlstand geprägt sind!

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Eine Antwort

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Guido Brombach and Mysteriously Unnamed, Scarlett Schenk. Scarlett Schenk said: https://scarlettmiro.wordpress.com/2010/12/09/lehrer-%e2%80%93-konig-des-zeitmanagments/ hab was NEUES … 🙂 […]

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