Barcamp im Unterricht?!

Die Idee, die Methode des Barcamps (kennengelernt bei der Regionalkonferenz NRW vom AdZ), als Unterrichtsmethode in einem Deutschkurs des 11er Jahrgangs einzusetzen, stieß bei den Schülerinnen und Schülern nicht auf spontane Freude. Im Gegenteil argumentierten die Schülerinnen und Schüler, dass so Gruppenarbeit nie dazu führe, dass alle das lernen, was sie für die Klausur brauchen. Und da so wenig Zeit sei, würden sie nicht genug lernen.

Doch einen Versuch wollten wir wagen, zumindest die Doppelstunden könnten dafür genutzt werden. Im schlimmst anzunehmenden Fall würde ich entsprechend umschwenken und ihnen die Möglichkeit zum herkömmlichen Unterricht bieten. Bevor ich kurz skizziere, welche Ergebnisse diese Methode mit sich brachte, möchte ich darlegen, was wir gemacht haben.

Zunächst erklärte ich den Schülern, dass jene, die meinen, sie könnten ein Thema vorbereiten oder unvorbereitet leiten, ein Thema vorstellen sollen. Dazu melden sich Interessenten per Handzeichen. Dann wird eine Session mit 30 Minuten festgelegt, anschließend gibt es bei einer 45-Minuten-Taktung eine Feedbackrunde zur Vorgehensweise (nicht zum Inhalt). Daran schließt sich die Frage, wie weiter verfahren wird: Vertiefung des Themas oder Veränderung oder Beendigung. Anschließend wird erörtert, wie die möglichen Ergebnisse anderen zur Verfügung gestellt werden kann. Abgrenzung zu herkömmlicher Gruppenarbeit:

  1. Die Gruppengrößen sind nicht homogen und können nachträglich variiert werden.
  2. Es gibt keine Themenvorgabe von der Lehrkraft sondern selbstgewählte Schwerpunkte.
  3. Das Ziel ist vor Antritt der Arbeitsphase unklar und kann es bis zum Schluss bleiben.

Das war ein Versuch, den ich sicher wiederholen werde, denn die Schüler und Schülerinnen haben sehr konzentriert gearbeitet und sehr gute Ergebnisse zusammengetragen. Die Schülerinnen und Schüler haben selbständig gewählt, was sie jetzt lernen wollen, und bis auf fünf Ausnahmen haben alle gearbeitet. Zwei Schülerinnen werden wegen einer Lehrstelle die Schule im Sommer beenden, deswegen haben sie nicht mitgearbeitet. Drei Schüler arbeiten aus Prinzip nicht mit, also auch diesmal nicht – sie nutzen die Zeit für ihre privaten Gespräche. Sie brechen jedes Mal aus dem System aus. Die anderen waren engagiert und erklärten mir, dass ihnen das Arbeiten Spaß gemacht habe. Ein Schüler meinte, dass er tatsächlich herausgefunden hatte, wieso die Novelle eine Novelle sei. In der Zeit arbeiteten auch Schüler konzentriert, die sonst eher mit ihren privaten Belangen beschäftigt sind – große Unkonzentriertheit ist in dieser Stufe normal. Die Schüler und Schülerinnen fühlen sich in ihrem Bedürfnis, Ernstgenommen zu werden, eher angenommen, obwohl sie der Methode zunächst misstrauisch gegenüberstanden.

Allerdings gibt es auch noch Verbesserungsmöglichkeiten:

  1. Mehr Zeit bis zur Klausur, damit die Schüler und Schülerinnen die Möglichkeit haben, unterschiedliche gute Sessions zu wiederholen.
  2. Eine Form der Informationsverarbeitung. Beispielsweise ein Blog während des Arbeitens in den Sessions. [Haken ist die derzeitige Ausstattung sowie die fehlende Kenntnis der Technik.]
  3. Nachschlagematerial für die Arbeitsphasen anbieten.
  4. Diese Methode kostet viel Zeit, weil die Schüler wenigstens so viel Zeit brauchen, wie für intensive arbeitsteilige Gruppenarbeiten.

Die Schüler und Schülerinnen sind mit ihrem Ergebnis ebenfalls zufrieden und konnten beim Nachbessern im Unterrichtsgespräch ihre eigenen Erkenntnisse an die Daten anpassen. Sie haben die Arbeit am Aufbau der Novelle so viel besser verfolgen können.

Eine gute Idee wäre es, wenn sich der Lehrer immer mehr aus dem Prozess des Lernens ausklinken könnte, bis er sich selbst überflüssig macht.

🙂

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2 Antworten

  1. Das liest sich spannend! Kannst Du nochmal erklären, wie Du die Methode konkret umgesetzt hast? Verstehe ich richtig, dass es einen Zeitrahmen von 90 Minuten gab? Wurden in der Zeit parallele Sessions gehalten oder gab ein 2x 1 Session, an der alle Schüler (ggf passiv) teilnahmen?

    Von Unlust der Schüler auf neue Methoden hört man häufiger. Umso schöner, dass es danach positive Resonanz gab. (Um auch ein bißchen zu jammern: In meinem Lehrauftrag an der Uni habe ich den Studentinnen angeboten, das Seminar nach ihren Interessen sowohl hinsichtlich des Inhalts als auch der Form auszurichten. Sie sollten sagen, was sie wollen. Das konnten (und wollten!) sie nicht. Eine Studentin sagte: „Das ist doch klar, dass wir das nicht selber entscheiden können. Das sind wir ja nicht gewohnt.“

    • Hallo Jöran,
      nach Vorlage aus dem AdZ-Regionalkongress hab ich gearbeitet: 3 Sessions pro 35 Minuten, zehn Minuten Austausch, dann die nächste Runde, allerdings sind alle Schüler (mangels Zutrauen, Vertrauen oder aus Unsicherheit) in ihren Sessions geblieben. In der ersten Austauschphase habe ich den Schwerpunkt auf die Arbeitsweise gelegt, dann auf den Inhalt, auf die vorläufigen Ergebnisse und so weiter.
      Ja, das erlebe ich ständig, dass die Schüler angeleitet werden wollen. Ich vermute als Grund, dass sie auch Erfolg und Misserfolg sowie insgesamt die Verantwortung besser abtreten können. Sie hatten dann nichts damit zu tun. Diese Generation muss sehr langsam an das selbständige Arbeiten und Lernen und Denken geführt werden. Leider.
      Vielleicht kann ich nochmals eine Tabelle hier einflechten, bislang kann ich das nicht. 🙂 Dann kannst du sehen, wie die Sessions besetzt waren und wie das Tafelbild aussah. Im Raum war nämlich explosionsartig Arbeitswut entstanden, Tafeln, Plakate und Folien waren beschrieben worden und alle wollten zu Wort kommen.
      Liebe Grüße
      Scarlett

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